Das Nebeltor (4)

Öffentliches Schreiben einer Geschichte:

… Da flüsterte ein kalter Hauch aus dem Schwaden: „Einen warmherzigen Menschen suchen wir!“ Aus dem Nebel formte sich nun eine schöne Frauengestalt, die weitersprach: „Wir Wasserwesen vermissen das Elixier der Freude. Jemand hält es verborgen. Seither ist das Leben in allen Welten rau und laut geworden.“
„Allen Welten? Gibt es nicht nur eine Welt?“, fragte Flora überrascht. „Nun, schon“, sprach die Nebelfee. „Aber darin gibt es die Wasserwelt, die Himmelswelt, die Unterwelt. Es gibt die echte Welt und viele künstliche, allerlei Schein- und Fantasiewelten. Aber wie auch immer, in allen fehlt die Freude.“ Um die Nebelfee erhoben sich jetzt schwebende Nebelgeister, die den Worten der Fee ernst nickend beistimmten.
„Wo kann man das Elixier finden?“, fragte Flora.
„Das wissen wir nicht“, sprach die Nebelfee. „Es ging verloren, als das Lachen verschwand. Die giftigen Tropfen könnten es wissen. Aber sie werden es keinem verraten, denn sie speisen keinen gewöhnlichen Wasserfall, sondern den großen Strom des elenden Neids, der das ganze Leben vergiftet. Es braucht eine, die sich ihm entgegenstellt.“ Flora zweifelte, ob das möglich sei, aber vielleicht bräuchte es deshalb eine heilende Substanz? „Wie wirkt das Elixier?“
„Es ist ein Zauberguss, der immerwährend gute Energie verströmt. Aber sieh, wir haben nur das leere Füllhorn gefunden. Willst du es nehmen und nach der Quelle des Elixiers suchen? Du musst es nur neu befüllen und uns wiederbringen.“
Flora war unschlüssig und so sprach die Nebelfee weiter: „Wenn du den Wasserwesen folgst, wirst du den richtigen Weg finden. Dazu musst du das Nebelreich verlassen und hinüber in die Welt der Tautropfen gehen. Sie spiegeln alle Wege. Du bist ein junger Mensch, der Grenzen überschreiten kann. Wir sind an unsere Nebelwelt gebunden. Verstehst du das?“
Flora nickte und augenblicklich waren die Fee und ihre Geister in einer dichten Nebelwand verschwunden. Flora hielt das Füllhorn in ihren Händen und lauschte ihnen nach. Offenbar war sie in eine jenseitige Welt in der Welt geraten, eine zeitlose, in der die Dinge immer gleich blieben – unverrückbar. Nur sie war die Verbindung. Als ihr das klar wurde, fühlte sie sich mulmig, in was für ein verrücktes Abenteuer war sie da geraten? Aber war es nur eine Fantasiewelt? Es stimmte, auch in Floras Wirklichkeit fehlte das schöne Lachen. Ihr großer Bruder übte lange vor dem Spiegel, einen möglichst coolen und herabwürdigenden Blick aufzusetzen. Er übte es so lange, bis er einfach nicht mehr lachen konnte. Nach und nach bekam er ein kaltes Herz und begann zu hassen, was er doch eigentlich liebte. Diese Verwandlung trieb ihn aus dem Elternhaus. Ob das Elixier auch ihren Bruder heilen könnte? In Flora wuchs diese kleine Hoffnung, die sie plötzlich antrieb, die Suche aufzunehmen…

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