Das Nebeltor (11)

Öffentliches Schreiben einer Geschichte:

… Der Nix steckte seinen Kopf in jeden kleinen Weiher und spähte darin nach Ella. Doch statt der Hüterin der Quellen entdeckte er in den Feldsöllen nur kleine Wassergeister, Ringelnattern, Eidechsen und Frösche. In einem der Tümpel hauste eine uralte Moorhexe, die alle längst vergessen hatten. Sie schlief einen Jahrhundertschlaf und ließ sich nicht wecken. In einem der Teiche hatte sich ein seltenes Wassermännchen eingerichtet und in einem anderen eine weiße Nixe.
Bei ihrer Suche ließen sie kein einziges Wasserloch aus und spürten dabei, dass sie auf Schritt und Tritt beobachtet wurden. Uldis folgte ihnen. Er schwamm ihnen durch die Schlammschicht der Gräben nach, bis auf eine kleine Bugwelle war er völlig unsichtbar. Der Sumpfgeist konnte sich flach wie ein Blatt verformen oder zu einem Berg auftürmen, ebenso wie er saugender Schlund sein konnte oder Schlammlawine. Aber wirkliche Macht hatte er nur im Sumpf, deshalb liefen der Nix und Flora jetzt auf trockenen Wegen. Uldis konnte ihnen nur folgen.
Es ärgerte ihn, dass sein Bruder das Mädchen befreit hatte und nun begleitete. Ohne den Nix wäre sie schon längst im Morast versunken und er könnte sich wieder um die gründliche Vermehrung des Neids kümmern. Der Schlammgeist wollte, dass sich endlich seine Rache erfüllte, doch nun musste er erst dieses Problem lösen und den Moment abwarten, in dem das Menschenkind unbeschützt von seinem Bruder unterwegs war.
Auf der Grenze zum Regenland befand sich ein alter Brunnen. Den hatte der Nix fast vergessen, aber jetzt, da sie das Grenzgebiet erreicht hatten, erinnerte er sich und auch daran, dass dessen Wasser lieblich duftete. Es war genau der Hauch, von dem die Hüterin der Quellen immer umweht war. Neben dem Brunnen wuchs ein wilder Rosenbusch, der Blütenblätter auf den Wasserspiegel fallen ließ. Ja, dachte der Nix, Rosenwasser, das war dieser Duft. Er steckte seinen Kopf in das Wasser und endlich sah er sie, Ella, die schöne Wasserfrau, die er heimlich schon lange verehrte. Er reichte ihr seine Hand und zog sie an die Oberfläche.
„Oh, was für ein seltener Besuch“, sprach die Schöne sanft und lächelte dem Nix zu. „Bist du wieder einmal auf einer Gewässerschau oder haben dich die Angler aus dem Großen Döllnsee vertrieben?“
„Du scherzt, verehrte Ella! Mich vertreibt niemand aus meinem Stammsee. Aber eine schöne Wasserfrau hat darin schon noch Platz. Willst du nicht mit mir kommen, das Wasser ist klar, spritzig und stahlblau.“
Ella blickte etwas verlegen den Wassermann an: „Du weißt doch, dass ich die Quellen hüten muss. Es gibt genug Arbeit an ihnen, seit dein Bruder dort reinste Schlammschlachten führt.“
Flora räusperte sich, denn sie spürte, dass sie irgendwie störte, weil es zwischen diesen beiden Wasserwesen richtig knisterte: „Hallo, Entschuldigung wenn ich mich einmische, aber wir sind mit einem Anliegen gekommen.“
Nix räusperte sich: „Stimmt, aber Ella verzaubert mich jedes Mal, wenn ich sie sehe. Also, weswegen wir gekommen sind: Mein schlammiger Bruder verstellt jedem den Weg zu deinen Quellen und er ist mächtiger geworden. Kennst du einen Weg, der Flora an Uldis vorbeiführt. Sie sucht die Quelle des Elixiers der Freude, um den Urstoff aller Liebe den Menschen zurückzugeben.“
Ella sprach jetzt leiser, denn natürlich spürte sie Uldis’ Nähe. „Wenn man einen Sumpfgeist fängt, dann kann man ein Geheimnis oder einen Wunsch als Lohn für sein Freilassung verlangen. Einen anderen Weg sehe ich leider nicht.“
Flora flüsterte: „Ja, gut, aber weißt du auch, wie man den Sumpfgeist fangen kann?“
Ella sprach ihr hinter vorgehaltener Hand ins Ohr: „Nur mit dem Nebelhorn der Nebelfee. Nur sie kann dir sagen, wie das geht. In den Wasserwelten behütet jeder sein Geheimnis, damit niemand zu mächtig wird. Also verrate das auch nicht dem Nix. Du musst allein ins Nebelland gehen.“
Flora hörte ihr aufmerksam zu und fragte: „Und welchen Zauber hast du?“
Ella fischte eines der schwimmenden Rosenblütenblätter aus dem Wasser und legte es Flora in die Hand: „Es hat eine feine Magie, du wirst wissen, wann und wie du sie brauchst.“ Dann wandte sich die Schöne geheimnisvoll ab.
Zum Nix sprach nun das Mädchen: „Ich danke dir für deine Hilfe und deinen Beistand, in die Nebelwelt gehe ich ohne dich.“
„Gut“, meinte der Nix, „aber solltest du mich brauchen, klatsche einfach auf einen Wasserspiegel und rufe laut nach mir, ich werde kommen.“
Dann sprangen Nix und Nixe in den Brunnen und verschwanden….

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