Das Nebeltor (10)

Öffentliches Schreiben einer Geschichte:

… Sie gingen zurück in den Bruchwald. An seinem Rand öffnete sich eine Weite. Über ihrem struppigen Grün lagen Nebelfetzen. Kleine Büsche wirkten in der Ferne wie bucklige alte Frauen. Es schien Flora, als schaute das Sumpfland sie mit unzähligen Augen an. Spuklichter flammten auf und erloschen wieder. Flora blickte auf die Unzerbrechliche, sie verwies auf diesen Pfad, der immer tiefer in das Sumpfland führte. Der Nix im Seewassertropfen flüsterte ihr zu: „Nur Mut!“
Aber das war leicht gesagt, denn plötzlich türmten sich in dieser weiten Senke braune Schlammberge auf. Sie erhoben sich bedrohlich wie umkehrende Muren. Wassermassen schossen dabei das Quellmoor in die Höhe und Schlammregen spritzte zurück in die Niederung. Der Ort verdunkelte sich und ein schauerlicher Ton schwoll an. Ein brodelndes Ätzen und schrilles Pfeifen, Flora musste sich die schmerzenden Ohren zuhalten. Ein geisterhafter Schemen matschte schwer schlurfend auf sie zu: „Was treibst du hier?“, dröhnte es ihr entgegen.
Das Mädchen wich erst ein paar Schritte zurück, bevor es sich ein Herz fasste:
„Bitte sei nicht zornig, ich bin geschickt worden, das Elixier der Freude allen Welten zurückzubringen. Ohne Freude herrschen Neid und Hass, aber das ist kein gutes Leben. Bitte lass mich in das Quellgebiet gehen, um dieses goldene Horn zu befüllen.“
„Das kannst du vergessen, ich lasse niemand zu den Sprudeln der Elixiere. Geh, verschwinde oder du verwirkst dein Leben! Sofort!“, donnerte der Sumpfgeist.
Flora atmete hastig, aber rührte sich nicht: „Ich kann nicht ohne das Elixier umkehren, die Menschen brauchen es.“
Uldis bebte vor Zorn. „Du wagst es, mir zu widersprechen? Was geht es mich an, was die Menschen brauchen? Es hat die Menschen auch nicht interessiert, was ich zum Leben brauche!“ Er warf wutschnaubend ein Schlingseil wie ein Lasso nach Flora und zog sie augenblicklich mit sich in ein brodelndes Sumpfloch. Viele Meter tief schien sie der Schlamm zu verschlucken. Doch plötzlich stieß sie auf etwas Festes, das sie hielt. Sie hockte auf fauligem Holz und konnte erstaunlicherweise wieder atmen. Über dem Stamm hatte sich im Geäst eine wasserdichte Lehmschicht verfangen, die einen leeren Raum bildete. Flora schnaufte sich den Schreck weg. Dann wischte sie die Unzerbrechliche mit der bloßen Hand vom Schlamm frei, vorsichtig, als wollte sie ihre feuchte Haut streicheln. Die warf nun ein schummriges Licht in das Dunkel. „Nix, wo bist du?“, fragte Flora und suchte mit den Augen nach dem kleinen Seewassertropfen, aber er war verschwunden.
„Sei still!“, raunte die Unzerbrechliche, „der Sumpfgeist kann uns hören!“ Die Kugel hatte noch nie mit ihr gesprochen, aber jetzt zeigte sie ihr ein neues Wasserzeichen und zugleich hörte Flora aus der Tiefe des Raums ein fernes Rauschen. Das Zeichen zeigte den Nix, der das Grundwasser am Fuß des Schlammschlunds ansaugte. Er würde sie holen, aber wo steckte Uldis? Sie hoffte, die Brüder würden sich nicht in dieser morastigen Dunkelheit begegnen. Es dauerte und die Luft in der Lehmkuhle wurde dünn. Flora japste nur noch flach, als der Nix in einem klaren Wasserstrom zu ihr stieß, ihr einen Atemzug schenkte und sie mit sich zog. Es war ein seltsames, freies Gleiten. Schließlich tauchten sie in den nassen Wiesen vor den Eulenbergen wieder auf.
Flora lag weinend in den Armen des Wassermanns. Sie war erschöpft und erschrocken. „Er wollte mich töten!“, schluchzte sie.
Der Wassermann murmelte: „Ich hatte dich gewarnt, er trägt den Hass mit sich.“
In den Wiesen zirpten die Grillen und ein blauer Sommerhimmel sah auf den Nix und das Mädchen mit dem erschrockenen Herzen.
Der Wassergeist flüsterte ihr zu: „Sieh das Land um uns. Es war sehr verletzt und ausgemergelt. Vor einiger Zeit haben sich die Menschen besonnen und das Wasser wieder in die dürren Moorwiesen fließen lassen. Nach und nach und mit viel Pflege haben sie sich wieder erholt. Die kleinen Moorgeister sind zurück und tummeln sich als Irrlichter im Sumpf-Engelwurz und in den Trollblumen. Sie haben den Menschen längst verziehen. Sieh, hier wächst wieder der Erdbeerklee und dort blüht Wilder Sellerie, ist es nicht schön in diesen Moorwiesen?“
Flora nickte. Sie erholte sich langsam von ihrem Schrecken. Das Schauen in die Weite mit ihren vielen Seen tat ihr gut. „Wir sollten Ella suchen“, sagte Flora gefasst. „Die Hüterin der Quellen hat vielleicht einen Rat.“…

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