Die Fährfrau (5 – der Schluss)

Öffentliches Arbeiten an einer Kurzgeschichte:

… „Passen Sie auf, dass Ihre Seele nicht erfriert,“ raunte die Fährfrau unheilvoll.
„Und Sie? Lösen Sie besser Ihr eigenes Dilemma, als nur anderer Leute Last zu berühren,“ gab der Trotzige abweisend zurück. „Die Geheimnisse der Reisenden sollten ihnen allein gehören und nicht irgendeiner Fährfrau.“ Die Augen des Mannes schienen während er ihr die Worte zuschleuderte noch schärfer zu schauen.
„Das ist mein Job! Ich begleite Passagiere. Ihre Entscheidungen sind der Grund, weshalb es mich überhaupt gibt. Ich nähre mich gewissermaßen von der Kraft ihrer Geschichten. Das ist mein Geheimnis. Vielleicht wäre ich sonst vollkommen leer.“ Sie wandte sich von ihrem düsteren Fahrgast ab und blickte mit ihren verschwommenen Augen auf den Wellenschlag des Stroms und tief in sein Zeitgeflüster.
„Quatsch, Sie müssen nur anlegen, aussteigen, in das Leben eintauchen und ihre eigene Geschichte leben.“
„Aber ich gehöre auf diesen Fluss, in dieses Grenzgebiet zwischen Leben und Tod. Viele sind hier gestorben, manche gingen trotzdem weiter. Ich bringe sie hinüber.“
„Wie, auch Tote?“
„Ja.“
Er war neben sie getreten: „Nein, dass bist Du nicht, dass ist die Aufgabe des Fährmanns. Du aber bist eine Fährfrau, die die Liebe verströmt und versöhnt.“
Der Mann hatte sich verwandelt. Er trug jetzt einen schwarzen Lackmantel und einen Fischerhut. Die Fähre legte an und er reichte ihr die Hand: „Komm!“ Und sie gingen an Land und ließen die undankbare Zeit hinter sich.

© Petra Elsner
19. Oktober 2019

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