Der Klassiker (10)

In der Volksmedizin gilt Apfelessig seit jeher als ein Gesundheitselixier. Ich erinnere mich jedoch ungern an den eigenwilligen, altweiberhaften Duft, den er verströmte. Großmutter benutzte ihn statt Seife, als tägliches Getränk, als Einreibung und auch zum Putzen im Haushalt. Als ich eines Tages vorsichtig etwas gegen den muffelnden Geruch im Raume sagte, meinte sie nur rigoros: „Je älter man wird, desto mehr Kalium braucht der Mensch. Und Kalium steckt im Apfelessig. Außerdem ist er ein Schlankmacher und wirkt gegen Verkalkung. Was machst du, wenn im Teekessel, die Kalkablagerungen zu dick werden? Du löst sie mit Essig auf …“ Dass das bei Gelenken auch funktionieren würde, war ihre Hoffnung.
Großmutter schwor auf den Essig aus der Paradiesfrucht und auf einen gewissen Dr. Jarvis (1881-1945). Der Arzt hatte die Volksmedizin in Vermont erkundet und seine Erfahrungen in einer Broschüre uneigennützig notiert, um das Wissen seines Volkes zu bewahren. Das grüne Bändchen steckt jetzt in Großmutters Mappe und wartet darauf, dass ich irgendwann meinen gehetzten Körper renovieren will. Geht es nach diesem Arzt, kann man im Grunde fast alles mit Honig und Apfelessig kurieren: Vom Fußpilz bis zur einer bestimmten Schwangerschaftslosigkeit, von Verdauungssorgen bis zum traurigen Gemüt. „Sauer macht lustig“, das ist sprichwörtlich bekannt. Doch im Grunde geht es schlicht um die Chemie im Körper. Als Heilmittel rät Jarvis Essig aus ganzen, zerdrückten Früchten zu benutzen, weil der neben Kalium auch Phosphor, Chlor, Natrium, Magnesium, Schwefel, Eisen, Flur, Silizium u. a. Spuren von Mineralien enthält. Der in Supermärkten vorrätige ist allerdings meist nur aus Schalen und Kerngehäusen bereitet und somit wesentlich ärmer.

Apfel konserviert Zeichnung von Petra Elsner

Apfel konserviert
Zeichnung von Petra Elsner

Heute erlebt der Apfelessig ein echtes Comeback. Doch wenn man ihn ausprobiert, sollte man sich nicht von profitsüchtigen Pillendrehern verführen lassen. Lesen Sie zuvor lieber die schlichten Empfehlungen von Dr. Jarvis „Honig und andere Naturprodukte“ nach. Das ist unverfänglicher und billiger. Und schaden tut der Essiggenuss in den vorgeschlagenen Dosen (meist 2 Teelöffel auf ein Glas Wasser, dreimal täglich zum Essen) auch nicht.
Wer aber meint, bei unverändert stressigem Leben, ungesunder Kost und Genussmittelmissbrauch im Apfelessig die Wunderwaffe gegen den Verschleiß gefunden zu haben, der irrt. Ein derartiges Elixier gibt es (leider) nicht.

Linkempfehlung: Einen spannenden Artikel über kaliumreiche Lebensmittel von Michaela Hinkel findet ihr hier

„Grüße vom andern Stern“
(naturfeuilletonistische Kolumne Nr. 9 ) ist bereits hier veröffentlicht.

© Petra Elsner
aus “Die Mappe meiner Großmutter”, hangebundenes, limitiertes Künstlerbuch.
Die Texte entstanden zuvor für eine naturfeulletonistische Zeitungskolumne. Dieses Potpourri aus Erinnerungsgeschichten half mir eine Trauerarbeit zu leisten. Der Titel adaptiert Adalbert Stifters “Die Mappe meines Urgroßvaters” – Frauen haben eben auch Geheimnisse. Und bei mir war es an der Zeit, nach den guten Dingen in meinem Leben zu suchen. Ich fand sie in den Ferienzeiten bei meiner Großmutter in der Oberlausitz …

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3 Kommentare zu Der Klassiker (10)

  1. andreamaluga sagt:

    wie macht man denn apfelessig, außer aus apfelwein?

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