Eine Havelsage: Selberjedan und Havelnix

Havelnix. Zeichnung: Petra Elsner

An einen Sommermorgen als noch Goldnebel über der Havel schwebte, hatte ein Fischer seinen Kahn in den Wind gelegt, denn er wollte sich ein paar Fische fangen. In der  Mittagsstunde hatte er genug beieinander. Der Mann ruderte ans Ufer, zündete ein Feuer an, putzte ein paar Fische und legte sie dann in seine Bratpfanne. Die Fische brutzelten schon ganz wunderbar und verströmten einen leckeren Duft, der einen kleinen Havelnix aus dem Fluss lockte. Der Nix trug eine rote Kappe und war kaum größer als ein Hähnchen. Der kleine Kerl stellte sich neben den Fischer und fragte nach dessen Namen. Der Fischer antwortete freundlich: „Wenn du es wissen willst, ich heiße Selberjedan.“
Der Nix konnte kaum sprechen, weil er das ganze Maul voller Fische hatte. So murmelte er: „Selberjedan, ich bespucke dich!“ Selberjedan glaubte seinen Ohren kaum: „Das mach‘ nur! Dann nehm‘ ich einen Stock und verhau‘ dir den Rücken, bis du krumm und schief bist“
Aber der freche Havelnix kümmerte sich nicht um die Drohung und sprach abermals: „Ich bespucke dich!“ Im nächsten Augenblick, spuckte er alle seine Fische in die Pfanne. Da nahm der Fischer zornig einen kräftigen Stock und schlug auf den Nix ein, bis der erbärmlich zu schreien begann. Das klang so herzzerreißend, dass sogleich alle Havelnixen ihre schönen Köpfe aus dem Wasser steckten und verwundert fragten, wer ihm denn was angetan habe?
Da schrie der Nix: „Selberjedan! Selberjedan!“ Als die Nixen das hörten, sagten sie: „Wenn du das dir selbst getan hast, dann ist dir nicht zu helfen.“  Mit diesen Worten tauchten die Wasserfrauen wieder unter. Da sprang auch der verprügelte Nix zurück in die Havel und hat niemals mehr einen Fischer oder Schiffer mit Fischen bespuckt.

(Volksmund aus der Prignitz, bearbeitet von Petra Elsner)

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Sagenspiel in der Grundschule Am Bumenhag

Lesung Schulprojekt
Bei der Lesung.

Der nüchterne Raum war in ein Theater verwandelt. Dämmerlicht.  Die Kids staunten, wie sich ihr Klassenzimmer verändert hatte. Das hatte die engagierte Klassenlehrerin inszeniert. Drei Projekt-Stunden in der Bernauer Grundschule Am Blumenhag lagen nun vor uns.

Nach meiner Sagenlesung erzählten die Schüler das Gehörte nach und bemerkten dabei sehr schnell, wie es  mit dem flüchtigen, gesprochenen Wort ist:   Die Sage “Die Schlangen und die Bürgerglocke von Bernau”  veränderte ihren Inhalt im Weitererzählen. Eine erstaunliche Erfahrung für die Kinder. In vier Kleingruppen wurden  anschließend meine Projekt-Malblätter, die Szenen beschreiben, farbig ausgelegt. Die dienten später als Kulissenblätter im kleinen Erzähltheater. Die fünfte Gruppe bepinselte indes mit mir das große Bühnenbildtuch.  Es zeigte Details aus der Bernauer Stadtlandschaft. Mit dieser Sage will diese Flex-Klasse beim großen Theaterfest ihrer Schule dabei sein. Heute haben dafür die Proben begonnen und hier endete mein Part.

Wenn Sie an Ihrer Schule im Barnim,  in der Uckermark oder in Oberhavel so einen Projekttag rund um das Thema regionale Sagen mit mir wagen möchten, dann rufen Sie mich bitte einfach an: 039883 – 48913.

 

Die Stadt Bernau als Umriss hatte ich für das Schulprojekt aufgezeichnet.
Die Stadt Bernau als Umriss hatte ich aufgezeichnet.

 

Dann malten sie die Erst- und Zweitklässler mit Acrylfarbe aus. Ganz schön schwer für die Kleinen, aber sie haben sich gut gehalten.
Dann malten sie die Erst- und Zweitkläßler mit Acrylfarbe aus. Ganz schön schwer für die Kleinen, aber sie haben sich gut gehalten.

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Sagenspiele als Schulprojekt

Eine Themenfigur zu den Sagenspielen.
Mein kindlicher Kobold für die Sagenspiele. Zeichnung: Petra Elsner

Wie alles begann:

Bei einem Atelierbesuch zweier Lehrerinnen im vergangenen Winter fragten mich die Frauen, ob ich auch in Schulen lesen würde. Ja, na klar. Aber plötzlich wurde im Oktober aus der Lesung ein PROJEKT. Hm. Das hatte ich noch nicht, aber morgen ist  gewissermaßen das Debüt dazu. Es hat ein wenig mehr Vorbereitung gebraucht. Nicht der Texte wegen. Die waren ja längst geschrieben. Es brauchte für die Grundschüler verschiedene Ausmalblätter zu einer Bernauer Sage und zwei Figuren – einen kindlichen Kobold und eine zarte Fee – die als Sympathieträger und Zugang zu den alten Sagen fungieren. Drückt mir die Daumen…

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Sagenhafter Barnim (26)

Die Klingelmarie. Zeichnung: Petra Elsner
Die Klingelmarie. Zeichnung: Petra Elsner

Der Wilddieb und die Klingelmarie:

In jenem eingeschneiten Schorfheidedorf hinter den Rabenbergen gähnte an diesem Januartag Konrads Speisekammer vor Leere. Nur Blaubeer-Mus gab es noch darin, aber keinen Speck und kein Korn. Im Winter wohnte der Hunger in den meisten Katen. Aus dieser Not heraus, wurden viele zu Holzdieben oder Wilderern, auch Konrad. Er hatte es lange hinausgeschoben, aber diese Nacht musste er in den Wald aufbrechen, um ein Stück Wild zu erlegen. Leidenschaftslos und heimlich, versteht sich, aber nicht allein. Er fürchtete sich in dem Dunkel unter den Bäumen. Doch sein alter Jagdkumpel war ihm gerade weggestorben. So schlürfte er über den Damm zum Schnitter Hannes. Der war letzten Sommer wegen einer Frau hier geblieben. Doch die hatte ihn nicht lange gewärmt und war mit einem Schiffer auf und davon. Hannes fegte gerade Schnee vor dem windschiefen Schnitterkaten. Konrad murrte ihm zu: „Ist in deiner Kammer auch Ebbe? Hannes nickte: „Leider.“ „Dann lass uns heute Nacht zusammen jagen gehen. Einen Teil der Beute tauschen wir gegen Silber und Mehl.  Der Rest wird zu Brühe und Dauerwurst.“

Hannes lenkte sofort ein:  „Oh, danke, dass du mir vertraust. Aber lass uns weit vom Dorf entfernt die Büchsen anlegen, damit der Förster nicht unsere Spuren liest. Draußen, am Punskuhl, da steht immer was im Mondlicht.“

Konrad schüttelte den Kopf:  „Bist du lebensmüde? Dort ist es nicht geheuer!“
„Was soll da schon sein, der Sumpf ist zugefroren?“, brummte Hannes.
Konrad flüsterte: „Dort geht die Klingelmarie um, ganz gleich welches Wetter und welche Jahreszeit. Seit Ewigkeiten erzählt man sich in Kurtschlag und Groß Dölln die Legende von der Klingelmarie. Selbst, die in den Wald gehen, um im Mondlicht einem Hirsch nachzuspüren, fürchten sich vor der spukenden Tochter des Ritters von Dölln. Der hatte einst an der Döllner Chaussee ein prächtiges Schloss mit fünfhundert goldgefassten Fenstern errichten lassen. Der große Besitz aber impfte die Ritterstochter Marie mit einem Hochmut, der nichts neben ihr atmen lies. Und so kam es, dass bei einem zornigen Gewitter Blitz und Donner in das Schloss fuhren, und mit ihm alles was darin ward tief in die Erde schlug. Dort, wo es stand,  moderte fortan nur noch ein Sumpf – der Punskuhl.  Man munkelt, die Wasserrosen, die dort im Sommer so schön blühen, seien die verwunschenen Burgfräuleins und im Schilf könnte man die Knappen und selbst den Döllner Ritter erkennen. Ruhelos geistert dort nachts die Ritterstochter umher. Ihre weißen Tücher hält ein Gürtelband, an dem die Schlüssel vom Schloss bei jedem ihrer Schritte klimpern. Deshalb nennt man sie ‚Klingelmarie‘. Sie sucht nach einem reinen Jüngling, der sie von ihrer Unrast erlösen soll. Doch bisher hat sie keinen gefunden, und jeder, der ihr bisher begegnete, starb sogleich ganz bleich vor Schreck.“

Hannes prustete aus breiter Brust: „Aberglaube! Alles Mumpitz! Ich bin doch kein Hasenfuß. Wenn du schiss hast, dann gehe ich halt allein in diesen Wald.“ Der Erzähler ärgerte sich und zog beleidigt davon. Aber Hannes brach des Nachts allein auf. Er pirschte sich entlang des Döllnfließes Richtung Osten. Der Mond warf ein helles Licht auf den schleichenden Mann, der unter seinem Mantel die Flinte verbarg. Der Schnee knirschte und funkelte. Hannes war es plötzlich, als würde er von Seelen umschwebt. Sie tuschelten ihm ihre Geheimnisse zu – von Wilderei und Förstermord, vom Ritter von Dölln und seiner Tochter, von Häschern und Gejagten – ihm wurde ganz mulmig dabei. Doch als er schließlich in der Niederung einen weißen Hirsch entdeckte, legte er an, vom magischen Jagdfieber getrieben. Sein Schuss hallte durch das Dunkel. Hannes traf, doch da zerbröselte die Tiergestalt und aus ihrem Weiß erhob sich die stolze Marie.

Geisterhaft raunte sie: „Huhu, Duhu! Was suchst du in diesem Wald, einen Hasen oder ein Weib, einen Hirsch oder eine Geistergestalt?“

Weil der Hannes wie angewurzelt stand und sprachlos  blieb, wehte die Klingelmarie in ihren weißen Nebeltüchern heran und umgarnte Mann, der nicht wusste, wie ihm geschah. Undurchdringliche Schwaden zogen über den Sumpf, aus dem Maries Schlüssel eine schaurige-schöne Melodie klimperten. Der junge Wilderer ward von diesem Augenblick an nie mehr gesehen.

Aber fürchtet euch nicht! Vielleicht hat ja der Schnitter Hannes die Klingelmarie endlich von ihrem Fluch erlösen können, und das Paar ist einfach im Glück entschwunden. Gewiss ist das aber – wie alle Sagen – nicht.

(Nach Adalbert Kuhn: Märkische Sagen und Märchen nebst einem Anhange von Gebräuchen und Aberglauben. Berlin , 1843, bearbeitet und erweitert von Petra Elsner)

 

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Sagenhafter Barnim (25)

Bärens Kirchhof bei Grimnitz. Zeichnung: Petra Elsner
Bärens Kirchhof bei Grimnitz.
Zeichnung: Petra Elsner

Bärens Kirchhof bei Grimnitz:

In der Grimnitzer Forst, unweit des alten Jagdschlosses in der Schorfheide liegt ein Steinmahl, das man „Bärens  Kirchhof“ nennt. Der Platz soll seinen Namen vom Heidereiter Bärens haben, der dort auf mysteriöse Weise zu Tode kam. Noch heute erzählt man sich die alte Sage: In jenem Forst wurde einst eine große Schweinsjagd gehalten. Der Heidereiter (so hießen damals die Königlichen Förster)  überprüfte drei Tage vor der Jagd jenen Ort, an dem der Kurfürst Sauen zusammentreiben ließ. Um sie festzuhalten, sollte Bärens nachts Korn auswerfen. Es schlug gerade Mitternacht, als er eine Stimme aus dem nah gelegenen Bruch vernahm: „Ist der Stumpfschwanz da, der den Heidereiter zu Tode bringen soll?“ Kaum später antwortete es dunkel: „Ja.“  Und Bärens schlich mit mulmigem Gefühl davon. Auch in der folgenden Nacht hörte der Heidereiter diese Stimme. Weil er glaubte, dass ihn Hofbedienstete foppen und verängstigen wollten, erzählte er alles dem Kurfürsten. Der befahl ihm in der Nacht zu Hause zu bleiben. Stattdessen musste sein Büchsenspanner hinaus, um an dieser Stelle Körner auszulegen und zu wachen. Dabei hörte auch er diese Stimme. Anderntags wurde zur Jagd geblasen, doch der Heidereiter musste ihr fernbleiben. Erst als alles vorüber war, ritt er hinaus und sah, dass unter den erlegten Tieren wirklich einen starken Keiler mit Stumpfschwanz war. Den hievte man gerade auf einen Wagen. Der Heidereiter packte mit zu und sprach dabei: „Du solltest mir das Leben nehmen und bist eher tot als ich?” Da rutschte plötzlich der Kopf des Schweines vom Wagen und riss dem Heidereiter mit seinen Hauern den Bauch auf. Man hat den Getöteten an der Stelle begraben und ihm einen Stein gesetzt. Bis heute heißt der Ort in der Heide „Bärens Kirchhof“.

(Nach Adalbert Kuhn: Märkische Sagen und Märchen nebst einem Anhange von Gebräuchen und Aberglauben. Berlin 1843, bearbeitet von Petra Elsner)

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Sagenhafter Barnim (24)

Die versunkene Stadt im Werbellinsee. Zeichnung: Petra Elsner
Die versunkene Stadt im Werbellinsee.
Zeichnung: Petra Elsner

Die versunkene Stadt im Werbellinsee:

Einer uralten Sage nach, gab es dort, wo heute der Werbellinsee mit seinem lichten Wasser in der Landschaft liegt, einst die wunderschöne Stadt Werbelow.  In ihrer Mitte erhob sich ein prächtiges Schloss, das von einem Wassergraben umgeben war. Hinein gelangte man nur über eine Zugbrücke. Auf dem Schloss herrsche ein böser Zauberer, der die Stadtbewohner mit unermesslichem Reichtum verdarb. Die Sitten verkamen und die Herzen der Menschen wurden schließlich hart. Eines Tages kam eine alte Frau mit der Bitte um etwas Brot an die Zugbrücke. Doch die Wächter schubsten sie pöbelnd beiseite. Der Schlossherr öffnete sein Turmfenster und rief ihr verächtlich zu, sie solle sich davon scheren. Die Frau verdunkelte sich und sprach: „Ich will zurückgehen, aber du sollst untergehen!“ Während sie ging, begegnete ihr ein Fremder, der ihr einen Kanten Brot zusteckte. Die Frau sah den gottesfürchtigen Mann dankbar an und murmelte: „Kehre um. Verlasse diesen Ort so schnell du kannst, denn er wird untergehen.“ Der Mann zweifelte nicht, denn er erkannte die magische Kraft der Alten. So fragte er nicht lange und verließ umgehend mit seinem Diener Werbelow. Doch als sie auf dem Berge angekommen waren, vermisste der Reisende sein Felleisen. Er hatte den Ledersack bei einem Marktstand unweit der Zugbrücke vergessen. Darum schickte er den Diener noch einmal zurück. Doch jener kam nicht weit. Dort, wo eben noch die ersten Pfahlhäuser der Stadt standen, erstreckte sich ein See soweit das Auge schauen konnte. Und während der Mann erschrocken auf den See starrte, hörte er aus den Tiefen des Wassers den allerletzten Schlag der Kirchturmglocke, bevor Totenstille über der Landschaft lag.

(Nach Adalbert Kuhn: Märkische Sagen und Märchen nebst einem Anhange von Gebräuchen und Aberglauben. Berlin 1843, aufgefrischt und verdichtet von Petra Elsner)

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Sagenhafter Barnim

Die Sagenbearbeitung:

Der Teufel vom Mühlentor

Der Teufel vom Mühlentor. Zeichnung von Petra Elsner
Der Teufel vom Mühlentor.
Zeichnung von Petra Elsner

In einer Zeit, als in Bernau noch das alte Mühlentor stand, lebte in einem der geduckten Häuschen an der Hohen-Stein-Straße der Torwächter mit seiner Familie. Die Stadt bezahlte den Mann für seine Dienste nicht besonders gut. Um sein Einkommen aufzubessern, schaffte er sich einen Ziegenbock an. Das war so ein Prachtexemplar mit großen Hörnern, leuchtend grünen Augen, einem langen Ziegenbart und einem seidig glänzenden schwarzen Fell. Der fleißige Bock beglückte fortan die über 900 Ziegen in der Stadt, und der Torwächter bekam dafür von den Ziegenbesitzern ein paar Silberlinge.  Allerdings war der Bock ein freiheitsliebendes Tier und riss ab und zu aus.
An einem Tag im milden Altweibersommer war der Küster von Ladeburg nach Bernau unterwegs. Er trug schwer an seinem Rucksack, in dem Tonkruken leise beim Gehen zusammenstießen. Er lächelte bei diesem Klang voller Vorfreude in sich hinein, denn  die Wochenration Kornbrand für sich und seine Freunde hatte er schon verkostet. Das hob seine Stimmung. Doch der Weg war weit, die Sonne brannte und der Durst des Küsters wurde größer. So kam es, dass er am Rollberg angekommen schwer torkelte und die Beine ihn nicht mehr weiter tragen wollten. Da gönnte sich der Küster ein Schläfchen im hohen Gras am Straßenrand. Erst im letzten fahlen Licht des Tages erwachte er wieder, denn etwas berührte ihn. Als er die Augen aufschlug, erschrak sich der verwirrte Zecher: Grüne Augen starrten ihn an und ein schwarzer Bart fuhr ihn durchs Gesicht. Mächtige Hörner drohten ihn zu stechen und ein fauler Atem schlug ihm entgegen. Der Küster schrie in Todesangst: „Herrje, der Leibhaftige!“ Er wand sich aus diesem schaurigen Anblick, sprang auf die wankenden Beine und stolperte mit rasendem Herzen in die Dunkelheit. Der erste Schritt stieß den Rucksack um und die Kornkrucken zerbrachen. Der Küster ließ alles stehen und liegen. Er rannte  vollkommen aufgelöst durch die Nacht. Keuchend erreichte er schließlich Ladeburg und erschreckte seine Freunde mit dem wildem Ruf: „Der Teufel, der Teufel!”
Indes war der Torwächter auf der Suche nach seinem wieder einmal flüchtigen Bock. Er lief wallauf, wallab, durchsuchte den Park, sah in der Lehmkute am Mühlenberg nach; auch an den Tümpeln hinter dem Georgenhospital war das Tier nicht zu finden. Der Torwächter fluchte und stapfte missmutig weiter zur Ladeburger Straße. Dort blitzte plötzlich im Straßengraben etwas Helles und daneben atmete etwas. Der Torwächter erkannte seinen Bock, der mit dem Kopf in den Scherben lag. Erschrocken kniete er nieder und bemerkte,  das Tier schlief nur, aber stank wie eine Schnapsbrennerei. Dankbar murmelte der Mann:  „Nur besoffen ist der Schwarze! Na, dann will ich mal den Handwagen holen.”
Wenn der Torwächter von nun an seinen schwarzen Bock suchte, fand er ihn stets genau an dieser Stelle am Rollberg vor.
(Nach Rudolf Bügel, verdichtet und aufgefrischt von Petra Elsner)

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Sagenhafter Barnim

Schlangen in Bernau Zeichnung: Petra Elsner
Schlangen in Bernau
Zeichnung: Petra Elsner

Die Schlangen und die Bürgerglocke von Bernau:

Vorzeiten wimmelte es in der offenen Feldmark rund um die mittelalterliche Stadt Bernau von Nattern und Schlangen. Um die Bekämpfung der Plage zu besprechen, sollte die gesamte Bürgerschaft zusammengerufen werden. Jedoch war die Stadt so angewachsen, dass es eine Glocke brauchte, alle Bewohner hörbar zu rufen. Doch so eine Glocke besaß Bernau damals noch nicht. Das sollte sich ändern und so wurden die Bernauer gebeten, all ihr wertvolles Metall, gleich ob als Gefäß oder Schmuckstück dem Unterfangen zu spenden.
Die meisten Bürger ließen sich nicht lumpen und trugen ihre Schätze herbei, damit der große Glockenguss gelingen konnte. Als schon die glühend heiße Gussmasse blubberte und brodelte, trat eine als Hexe verschriene Alte an den gewaltigen Trog. Die Bürger sahen die Gestalt mit Unbehagen, was nicht besser wurde, als sie mit gehobener Stimme einen Zauber zu sprechen begann: „Schlangen und Nattern werden verschwinden, soweit der Klang der Glocke reicht. Ohne Schlangen und Nattern wird die Gegend sein!“ Während sie sprach öffnete sie ihr Bündel, in dem sich eine Kreuzotter und einer Ringelnatter wanden. Die warf die Frau beim letzten Ton ihres Spruchs in den siedenden Guss. Den Menschen war es nicht wohl bei diesem Anblick, aber als die Glocke im Kirchturm hing und angeschlagen wurde, verschwanden mit ihrem Läuten Schlangen und Nattern hinaus in die Flur, soweit der helle Glockenklang vernehmbar war. Als allerdings über die Zeit die Bürgerglocke einen Riss bekam, kehrte das Gewimmel zurück, doch nur solange, bis 1649 eben diese Glocke umgegossen wurde. Nach dem ersten Glockenschlag verkrochen sich abermals die ungeliebten Tiere.

(Nach Adalbert Kuhn: Märkische Sagen und Märchen nebst einem Anhange von Gebräuchen und Aberglauben. Berlin 1843, aufgefrischt und erweitert von Petra Elsner)

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Sagenhafter Barnim (23) Sagenbearbeitung der Woche

Die verwunschene Prinzessin vom Schlossberg in Biesenthal:

Die verwunschene Prinzessin vom Schlossberg in Biesenthal. Zeichnung: Petra Elsner
Die verwunschene Prinzessin vom Schlossberg in Biesenthal. Zeichnung: Petra Elsner

Es heißt, auf dem Schlossberg bei Biesenthal zeige sich manchmal mittags, aber meistens zur Mitternacht  eine verwunschene Prinzessin. Weiß gekleidet, mit einem  goldenen Spinnrad in der Hand, sah man sie durch den Schlossgarten wandeln. Vielen war sie vollkommen liebreizend erschienen, und so erging es auch eines Tages einem Gärtner. Der junge Bursche hatte seit mehreren Nächten immer wieder diese eindringliche Stimme gehört:  „Komme in den Schlosspark um Mitternacht!”  Nun endlich war er ihr gefolgt. Als er im Park eine junge, schöne Frauengestalt in weißen Kleidern auf sich zu kommen sah,  wollte er einfach nur davon laufen.  Doch er stand fest wie angewurzelt und verzaubert. Bald sah der junge Gärtner in ihr trauriges Gesicht, das mit bewegender Stimme sprach: „Nimm mich auf den Rücken und trage mich bitte zur Kirche. Es ist ja nicht weit, du wirst es bestimmt nicht bereuen.“ Sie bat das flehend und sehnsüchtig. Der Gärtner fasste sich ein Herz und nahm die leichte, liebliche  Gestalt auf seinen Rücken. Dabei löste sich sein Schrecken und er konnte wieder laufen. So stieg der Mann den Weg vom Schlosspark zur Kirche hinauf. Die Last war kaum spürbar und deshalb dachte er bei sich: „Das Fräulein ist leicht wie Luft.“ Als er jedoch durch die Kirchhofpforte den Weg im fahlen Mondlicht betrat, raste ihm plötzlich ein Wagen mit vier rabenschwarzen Rössern entgegen. Die spien Feuer aus ihren Mäulern und Nüstern. Da packte den Burschen ein jäher Schreck. Er brüllte vor Entsetzen in die Nacht und plötzlich war der Wagen verschwunden. Die weiße Frau rutschte wie eine Feder von seinem Rücken und jammerte untröstlich diese Worte: „Wieder auf ewig verloren!”
Lange stand der junge Mann noch auf dem nächtlichen Friedhof und sann dem nach, was geschehen sein könnte. Da schlug die Kirchglocke einen vollen Ton. Vorbei war die Geisterstunde und der Gärtner erwachte wie aus einem schweren Traum.

(Nach Peter K. Stumpf, Sagen aus Brandenburg, aufgefrischt von Petra Elsner)

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Sagenhafter Barnim (22) Die Sagenbearbeitung der Woche

Die Riesen am Parsteinsee

Das Hünenmädchen am Parsteinsee. Zeichnung: Petra Elsner
Das Hünenmädchen am Parsteinsee.
Zeichnung: Petra Elsner

Man sagt, am Parsteinsee lebten vorzeiten wilde Riesen. Sie seien um etliches größer gewesen als alle ihre Nachkommen. Diese mächtigen Hünen warfen oft gelangweilt mit Felsbrocken um sich und hinterließen bei ihren kraftvollen Steinwürfen immerwährende Fußabdrücke. Alle Berge haben sie geschaffen, tiefe Schluchten und selbst die Landseen gruben sie mühelos aus. Weil die meisten Riesen vom Naturell her eher faul waren, bauten sie sich später viele Abkürzungen in die Landschaft.
Am Parsteinsee kann man noch die Überreste eines solchen Bauwerks erkennen, dass einst ein Hünenmädchen unvollendet hinterließ. Es war gut 60 Fuß hoch und wollte sich einen Damm aufschütten, der es trockenen Fußes von Bölkendorf nach Brodowin bringen würde. Das Hünenmädchen schleppte zwei Schützen voller steiniger Erde herbei und warf je eine Last an beiden Uferseiten ab. Diese Aufschüttungen sind bis in die heutige Zeit als Landzungen gut erkennbar. Als die junge Riesin jedoch zum der dritten Mal mit einer Ladung Erde am See eintraf, stolperte sie und fiel so hart, dass sie sich ein Bein brach. Im Fallen flog die Erde schwungvoll mitten in den See, und aus der Schürzenladung wurde die Insel Parsteinwerder.

(Nach Peter K. Stumpf, aufgefrischt und erweitert von Petra Elsner)

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