Gedehnte Zeit oder die Arten des Wartens (Schluss)

… Ungeduldig lebt sie in der Zeit und meist in irgendeiner Erwartung. Als junge Frau glaubte Florentine stets und ständig, sie würde etwas verpassen. Abends Zuhause. Wie viele Nächte fuhr sie dann mit der S-Bahn zum Alexanderplatz ins Café Größenwahn, um dort bei einem Kännchen Mokka für 2 Mark bis zum Morgengrauen zu verweilen, erwartungsvoll, auf dass etwas geschehen könnte. Vielleicht käme ein Prinz vorbei, aber es waren nur die Kneipenclowns, die dort auftauchten und die ihrerseits auf ein Abenteuer lauerten. Irgendwann hatte sie es kapiert: Du selbst bist das Leben und die Aktion. Fortan brauchte sie die ausharrende Suche am seltsamen Ort nicht mehr. Die Zeit gehörte plötzlich ihr und indem verpasste sie gar nichts. Manchmal aber muss sie sich doch mit jemandem verabreden – für ein Gespräch, ein Geschäft, ein Wiedersehen. Und natürlich sind die wenigsten Besucher wirklich pünktlich, wie dieser, der gerade vor ihrem Haus einparkt. Die Wartezeit reichte Florentine genau für diese Kurzgeschichte. Nun setzt sie forsch den Schlusspunkt, denn sie will ja den Gast an der Hoftür nicht warten lassen.
© Petra Elsner

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Gedehnte Zeit oder die Arten des Wartens (2)

…Aber es gab auch andere Arten des Wartens und immer lösten sie Emotionen aus: das Barmen, das Ersehenen, das Erhoffen… „Abwarten und Tee trinken“ war kein Spruch für Florentine. An jenem Tag, als ihr Mann nach einer schweren Herzgeschichte aus dem Krankenhaus nach Hause kam, schlenderte er auf ein Feierabendbier in die Kneipe. Das Abendläuten war gerade vom Kirchturm zu hören. Die übliche Stunde verging, nach einer weiteren bereitete Florentine das Abendbrot vor, er würde ja schließlich bald kommen, aber sie irrte. Die Stunden verbrauchten sich schleppend. Die Wartende hockte mit hart schlagendem Herzen vor der Glotze und steigerte sich in einen wütenden Frust, der sie nach Mitternacht aus dem Haus in die Schänke trieb. Eigentlich hätte die schon vor Stunden geschlossen sein müssen, aber hier feierten drei Männer beim Skat das Leben, leicht trunkig und umgeben von dickem Qualm. Florentine schnappte nach Luft und brüllte: „Du hast se wohl nicht alle, gestern noch auf der Intensivstation und heute – hoch die Tassen und Rauchen was die Schachtel hergibt!“ Das platzte aus ihr heraus, dann schwieg sie fordernd. Die Männer schauten abwartend auf. Eher erschrocken über den lauten Auftritt der Frau, sagten sie vorsichtshalber nichts. Keiner. Florentine drehte auf dem Absatz um und stiefelte, peinlich berührt von sich selbst, durch die Nacht. Sie hatte zwar Dampf abgelassen, aber wirklich besser ging es ihr davon nicht. Sie hasste es eben zu warten und sich dabei so dämlich aufzudröseln, aber vermeiden konnte sie das nicht…

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Gedehnte Zeit oder die Arten des Wartens (Abschnitt 1)

Eine Kurzgeschichte in Arbeit:

Foto: pe

Warten, unbestimmt wie lange noch, das ist etwas, was Florentine selbst als reife Frau noch nicht erlernt hatte, im Gegenteil. Diese nutzlose Zeit zwischen einer Verabredung und dem wirklichen Eintreffen verwandelt sie regelrecht in eine zwanghafte Gestalt. Sie verrichtet dann zeitfüllend all jene Dinge, die sie lieber nicht tun sollte: Zum Beispiel schnell noch ein Fenster zu putzen oder Kaffee vorzubereiten ohne zu wissen, ob der Besucher nicht lieber Kamillentee möchte. Die Rastlose muss sich beschäftigen, um nicht zu platzen. Diesmal beginnt sie aus dem Nichts eine Geschichte zu schreiben, eine kleine, vielleicht aber wird es auch eine ganz lange Geschichte, weil der Besucher sich nicht nur verspätet, sondern einfach nicht kommt. Zwischendurch hält sie Ausschau durch das Fenster. Der Nachbar fährt eine Fuhre Mist zu seinem Freund. Der Hänger scheppert über das Kopfsteinpflaster und hält Florentines Blick für einen Moment fest. Kaum später legt sich wieder die Stille lang und breit vor ihr Fenster wie ein satter Kater. Ach ja, die Geschichte. Aber Florentine kommt nicht voran, ihre Gedanken sind verknotet mit dieser Verabredung, die auf sich warten lässt. Sie hasst Unpünktlichkeit, was für eine Preußin nicht wirklich verwunderlich ist.
Das schlimmste Warten erlebte Florentine in einer merkwürdigen Prüfung. Das war ein Warten auf das Ende, aber das Ende wollte nicht kommen. Nach anderthalb Stunden hatte der Professor immer noch Fragen und sie ungebremsten Prüfungsstress, der sie nicht bemerken ließ, dass der Prüfer längst ins Schwafeln geraten war. Ihr Hirn suchte in diesem Gespräch über das Für und Wider einer philosophischen Idee nach klugen Antworten, die sie wohl auch gab und eben deshalb kam das Ende nicht. Vor der Tür harrte kein weiterer Prüfling aus, so hatte der alte Hochschullehrer Zeit und Muße. Irgendwann stand er auf: „Darf ich Sie noch ein Stück mit meinem Wagen mitnehmen?“ Florentine nickte verstört, er hatte sie immer noch nicht wissen lassen, mit welchem Abschluss sie aus diesem Klassikerseminar kommen würde. Stattdessen sinnierte der Maestro über Zenons Pfeil-Paradoxon, jenem realen Bewegungsmodell, dass schlussendlich in eine falsche Folgerung führte. Florentine war das vollkommen egal. Es war ein heißer Sommertag, sie schwitzte aus jeder Pore blanke Angst, dass hier würde nicht mehr zu einem guten Ende kommen. Der Professor hielt am Espresso Unter den Linden und fragte einladend: „Noch einen Kaffee?“ Da riss ihr Geduldsfaden: „Auf keinen Fall – diese Endlosprüfung ist nur noch unerträglich!“ Der Mann stutzte: „Wieso Endlosprüfung? Wir unterhalten uns doch nur noch ganz nett?“ Florentine öffnete die Wagentür und zischte nun ganz undiplomatisch „Ganz nett! Verraten Sie mir wenigstens noch, womit Sie die Prüfung bewertet haben?“ „Hab ich das nicht gesagt?“, räusperte sich der Professor. „Na, ganz gut.“  Die Studentin schnaufte, schlug die Tür zu und verdrückte sich ohne ein weiteres Wort. Dieses Warten in Abhängigkeit war ihr zutiefst zuwider…

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Falsche Federn – eine Kurzgeschichte (Abschnitt 3 – das Ende)

… Herr Weiß lächelte mysteriös und reichte Hanna die Hand zum Aufstieg. Kaum später hockten sie rücklinks auf der Mauer und lugten in den Nebenhof. Es war herbstklamm und der Müll in den Tonnen roch scharf. Die Frau rümpfte die Nase und zischte: „Jetzt spring schon!“ Während sie auf ihren Füßen landeten, fiel die Feder echauffiert zu Boden, aber Herr Weiß bemerkte den Abgang, bückte sich und flüsterte ihr zu: „Du wirst noch gebraucht!“ Danach steckte sie abermals hinter sein Ohr. Vom Souterrain des Seitenflügels warf ein Fenster einen fahlen Lichtstreifen in das Geviert. Dem folgten sie und der Mann klopfte an das beschlagene Fenster. Knarrend, aber wortlos wurde es geöffnet. Ein hagerer Bäcker lehnte missmutig eine Leiter an das innere Fensterbrett und ging dann leicht gebeugt seinen Verrichtungen nach. Hanna sah verdutzt zu, wie gelassen Herr Weiß in diese Backstube stieg. Ihr war es irgendwie unheimlich, doch sie wollte keine Spielverderberin sein, so kletterte sie ihm hinterher. Ein warmes, mehliges, wundervoll duftendes Reich öffnete sich den Nachtgestalten. Der Meister gab steif den Buttler, legte sich dazu eine Stoffserviette über den rechten Arm, verbeugte sich kantig und wies stumm auf einen Tisch mit zwei Stühlen. Dann verschwand er schlurfend im Nebenraum. Hanna glaubte ihren Augen kaum, als der Mann kaum später Schrippen, Butter, Honig und Kaffee servierte. Ohne ein Wort und mit sauerteigartiger Mimik. Als alles platziert war, klatschte er kräftig in die Hände und eine Wolke Mehlstaub ging über dem Paar nieder. Der Meister drehte sich auf dem Absatz, entfernte sich und hinterließ dabei eine feine, frische Mehlspur. Herr Weiß war jetzt weiß und Hanna auch, die Zwei kicherten.

Hanna biss in diese knackig-würzige, feste Schrippe und nickte wohlwollend: „Lecker, was macht das Teil zur Ostschrippe?“
Herr Weiß, bröselte gelehrig vor sich hin: „Na, so ganz echt sind die auch nicht mehr, doch kommen sie dem Original sehr nahe. Nur so miserables Mehl wie damals verwandt wurde, gibt es hierzulande gar nicht mehr. Jenes Mehl war unbehandelt, wurde von Hand geknetet, blieb ohne Backmittel und der Teig ruhte stundenlang – das ergab dieses wunderbare Naturprodukt, das zum Mythos wurde.“
Der Bäcker stimmte nickend zu, als er wieder an den Tisch trat und Kaffee nachschenkte. Plötzlich brummte er: „Na, wo ist es?“
„Wo ist was?“, wollte Herr Weiß wissen.
„Na, das versprochene Etwas aus deinem Stück, mein Lohn für dieses nächtliche Frühstück?“
Herr Weiß griff nach der Feder, pustete das Mehl von ihr ab und gab sie dem fordernden Mann. Der steckte sie sich lächelnd an die Bäckermütze und zog sich zurück. Währenddessen spürte Konstantin Weiß, dass sich der Narr in ihm just in diesem Augenblick davon gemacht hatte. Er wurde unsagbar müde und sein Glanz erlosch. Hanna sah jetzt einen abgetakelten Alten vor sich, der eingeschlafen war. Sie fand, es wurde Zeit dem Schrippen-Abenteuer zu entfliehen. Leise stieg sie aus dem Fenster und kletterte zurück in den Nebenhof. Als sie draußen vor der Tür stand, blickte sie nach der Fassade des verschlossenen Hauses. In großen Lettern war da „Bäckerei Weiß“ zu lesen und der jungen Frau dämmerte es.

© Petra Elsner (Text & Zeichnung)
27. März 2019

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Falsche Federn – eine Kurzgeschichte in Arbeit (Abschnitt 2)

… Das seltsame Pärchen schwankte durch die Nacht. Beide hatten reichlich Wein getankt, deshalb stolperten sie zu Fuß auf ihren langen schlaksigen Beinen über das bucklige Gehwegpflaster. Hanna war ein großes schlankes Mädchen, aber Herr Weiß war sozusagen richtig dürr und noch einen Kopf höher gewachsen. Eine echte Latte eben. Die Zwei muteten an, als würde sie der nächste Windstoß mit sich reißen können, aber das täuschte. Doch wegen der Stolperei hatte sich Hanna sicherheitshalber bei Herrn Weiß eingehakt und fragte diesen nun: „Wie schmecken eigentlich Ostschrippen?“
Weiß schnalzte mit der Zunge nach seinen Geschmackserinnerungen: „Na, knusprig, würzig und fest, also nicht so fluffig wie die heutige Industrieware.“
„Aha.“
Die Kleinstadt schlief still. Nur die Häuserwelt starrte mit tiefschwarzen Glasaugen und sah wie Konstantin Weiß eine düstere Toreinfahrt ansteuerte. Die junge Frau ergriff zaghaft seine Hand. Mondlicht fiel in den muffigen Hinterhof. Plötzlich nahm der Theatermann Anlauf und sprang höchst athletisch auf eine der Mülltonne, die dicht bei der Ziegelmauer stand. Von dort oben murmelte er: „Wir müssen ins Nachbarhaus, aber das ist immer verschlossen.“ …

© Petra Elsner (Text & Zeichnung)
26. März 2019

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Falsche Federn – eine Kurzgeschichte in Arbeit (Abschnitt 1)

Er trug den Glanz einer Sonne. Und alle, die bei ihm standen, schienen mit ihm zu leuchten, obwohl die Premiere zu „Leonce und Lena“ im Stadttheater schon dem gestrigen Tag gehörte. Es war weit nach Mitternacht, aber im Theaterkeller wurde der schrägste aller schrägen Vögel gefeiert: Konstantin Weiß, der Alt-Mime, hatte einen berauschenden Auftritt hingelegt: Bizarr, verstörend und mit traumversunkenem Klang. Längst hatte der Held des Abends seine Vogelfedern abgelegt und gegen Jeans, Lederjacke und Schiebermütze getauscht, aber irgendwie spielte er immer noch und sie sah ihm dabei zu.
Hanna schmachtete ihn unverhohlen an und Herr Weiß genoss es. Er hätte ihr Großvater sein können, aber die Blicke der Studentin schmeichelten und weckten den Narren in ihm. Als sich das Fest auflöste, fingerte der Mann in seiner Jackentasche nach der welken Feder, die beim Umkleiden aus seinem Kostüm gefallen war. Jetzt steckte er sie hinter sein Ohr und schlenderte ein wenig zu dicht an Hanna vorbei. Dabei spürte er, wie sie die Luft anhielt. Als Hanna wieder ausatmete, drehte er sich noch einmal um und fragte ganz trocken: „Lust, auf frische Schrippen? Echte Ostschrippen?“ Es war drei Uhr morgens und die Blonde nickte staunend.

© Petra Elsner (Text & Zeichnung)
25. März 2019

 

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