Der siebente Fisch – die ganze Geschichte

Der siebente Fisch

„Ach, nö“, nörgelte der Großvater vor sich hin: „Schon wieder einer weg!“ Er schob sich die Brille fest auf die Nase und zählte noch einmal: „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs – äh, wo ist der Siebente?“ Er suchte mit seinen trüben Augen den Goldfischteich ab, aber der Siebente fehlte. Wo war er hin? Nachbars Kater schlich unschuldig auf seinen Samtpfoten durch das hohe Gras am Zaun und mauzte leise: „Ich war es nicht.“ Der Großvater sah ihm ungläubig hinterher, aber er würde schon dahinterkommen, wer den Siebenten geraubt hatte. Den letzten Siebenten hat ein Silberreiher geholt und den hatte Leo Krause jetzt auch wieder in Verdacht. Er musste sich einen neuen Siebenten besorgen. Sieben war eine magische Zahl: Sieben Tage hat die Woche. Sieben Weltwunder gibts, sieben Tore zählt die Unterwelt und im siebenten Himmel wohnt die Liebe. Märchen verehren die magische Sieben in „Die sieben Raben“ oder „Schneewittchen und die sieben Zwerge“. Die Sieben war Leo Krauses auserkorene Glückszahl, die er für sein Wohlbefinden brauchte. Ein zerbrochener Spiegel bringt sieben Jahre Pech und so ein Wasserspiegel aus dem jemand einen Fisch stielt, ist gewissermaßen auch kurzweilig zerbrochen. Also fuhr Leo Krause, das Unglück verhütend, in seine Lieblingszoohandlung und kaufte sich einen neuen siebenten Goldfisch. Das hat er schon öfter machen müssen, deshalb grinste der Verkäufer den alten Mann an: „Schon wieder einen Siebenten?“ Leo Krause nickte wortlos und guckte sich einen neuen Fisch aus.
Diesmal solle es ein ganz besonderer Goldfisch sein, einer mit Schleierschwanzflossen, damit er ganz sicher sein könnte, er ist der echte Siebente. Zuhause angelangt, goss der Großvater das Glas mit dem Fisch vorsichtig in seinen Teich und begab sich auf die Lauer. Denn schließlich konnte er ja nicht alle Gartenbewohner unter Verdacht stellen. Üble Nachrede, das ging für Leo Krause so gar nicht. Er wollte Klarheit. Hinter einer Tarnplane mit Guckloch saß der Mann auf seiner Bank und wartete, was am Teich zur Abendstunde geschah. Die Schnecken krochen aus dem Moos am Wasserrand und schlichen hinüber zum Salatbeet. Zwei Ringeltauben kamen, um zu baden.  Die Fische interessierten sie dabei nicht. Sonst geschah lange Zeit nichts. Leo Krause wäre beinahe eingenickt, als er ein Knirschen vernahm. Woher kam es? Eine Steinplatte am Ufer bewegte sich und etwas Rotes kam zum Vorschein. Von weitem sah es so aus, als wäre es ein roter Grasbatzen, der sich sehr geschwind bewegte.

Vorsichtig schlich der Großvater zum Teich, aber schwuppdiwupp war das hüpfende Büschel unter den Farnwedeln verschwunden. Leo Krause wartete ein Weilchen und fixierte dabei das Staudenbeet jenseits des Wassers, aber dort schnuffelte nur der Igel nach Käfern und Regenwürmern auf seiner Abendrunde. Langsam versank der Garten in der Dämmerung, heute würde Krause das Rätsel nicht mehr lösen können.
Schon mit den ersten Vogelstimmen stieg der Mann wieder aus seinem Bett, um nur gar keinen Teichbesucher zu verpassen. Mit einem Pott Kaffee platzierte er sich abermals auf der Bank hinter der Tarnplane und beobachtete das Gartenstück. Ein Waschbär durchstöberte das Revier und fraß das Fallobst von der Wiese. Dann ging er, wie er gekommen war, hinaus in den nahen Wald. Inzwischen fielen die Sonnenstrahlen auf die Solarzelle im Gras und setzten den leisen Bachlauf in Gang, was die Spatzen, Meisen und die Grasmücken bemerkten und sich dort nacheinander zum Morgenbad einfanden. Das heitere Gezwitscher weckte auch das rote Grasbüschel, das sich langsam aus seinem Steinversteck schob. Es hatte Arme und Beine und eine grüne Hose an. Der Großvater rieb sich die Augen und wunderte sich still. Das kleine Wesen legte sich auf seinen Bauch, tauchte sein Gesicht vollkommen in den Wasserspiegel und sah nach den Fischen: „Oh, wie schön bist du denn?“, wisperte der Rotschopf dem neuen Siebenten zu. „So, herrlich, so vollkommen anzusehen, komm näher, komm!“
Der Siebente fühlte sich geschmeichelt und schwamm auf das Wesen mit den schönen Worten zu. Das war der Moment, in dem Leo Krause seine Kescher über das Rot schnellen ließ und seinen Fang geschickt hochzog. In dem sackartigen Netz zappelte nun laut klagend ein Troll.

„Hey, lass mich raus!“
„Du bist also der Fischräuber an diesem Teich,“ grummelte der Großvater streng. „Aber wo gibt es denn so etwas, dass ein Troll bei Tageslicht unterwegs ist? Du müsstest längst ein Steinklumpen sein, also kannst du gar kein echter Troll sein. Vielleicht ein Zwerg oder Puck, aber kein Troll.“
„Aber klar bin ich ein Echter, ein guter Nisser aus Norwegen. Im letzten Sommer habe ich einen wunderschönen Zauberfisch gefangen. Der hatte mir versprochen meinen allergrößten Wunsch zu erfüllen, wenn ich ihn zurück in den Fjord werfe. Ich wollte immer schon bei Licht spazieren gehen, ohne dass es mich dabei in einen Stein verwandelt. Dass hat der Fisch mir zugesprochen. Und so hab‘ ich ihn zurück ins Wasser geworfen. Mein Wunsch erfüllte sich und so bin ich der einzige Troll, dem das Tageslicht nichts mehr antun kann. Übrigens, ich heiße Rosso und du kannst mich jetzt wirklich aus dem Netz lassen.“
Leo Krause murmelte: „Na gut, aber an meinem Fischteich wird nicht mehr geangelt, klar?“ Dann senkte er den Kescher zu Boden und ließ den kleinen Kerl aus den Maschen klettern.
„Klaro, hier wird nicht mehr gefischt! Aber Pilze und Beeren darf ich mir doch suchen?“, fragte Rosso nach.
Der Großvater nickte, baute seine Tarnplane ab und ging seinen Verrichtungen nach. Das Rätsel war ja nun geklärt. Abends stellte er dem Troll ein Schüsselchen Brei neben dessen Unterschlupf, man soll ja einem Troll ab und zu etwas spendieren, damit er keinen Unfug treibt und man gut mit ihm auskommt. Zufrieden genoss Leo Krause den Sonnenuntergang auf seiner Gartenbank, als er plötzlich ein Jammern und Schluchzten vernahm.

Am Teich hockte Rosso und wimmerte. Leo Krause fragte besorgt: „Was ist mit dir, kleiner Troll?“
„Ach, ich hab‘ so Heimweh“, schluchzte Rosso. „Weißt du, ich bin ja nur aus Versehen hier. Wurde mit einem Seesack verschleppt. Wusste doch nicht, dass der Seemann auf große Fahrt gehen wollte. Und nun fehlen mir die Freunde und die bunten Fische im Fjord.“
Leo Krause war ratlos, aber dann erinnerte sich: „Hm, meine Nachbarn fahren nächstes Jahr wieder nach Norwegen zum Fischen. Mit denen könntest du bestimmt mitreisen, aber bis dahin musst du dich wohl gedulden.“ Der Großvater streichelte dem Traurigen tröstend über den Rotschopf, dann ging er zu Bett.
Der Siebente hatte das Gespräch belauscht und lugte nun durch den Wasserspiegel: „Wir können ja inzwischen Freunde werden!“
Rosso wischte sich die Tränen von den Wangen: „Willst du mir helfen?“, fragte er den Siebenten.
Der hauchte: „Wenn ich es kann, unbedingt.“
„Du wirst es können, wenn ich dir all meine Zauberkraft schenke. Mit der kannst du mich nach Hause senden, leicht wie ein Luftzug. Du musst es dann nur denken und es geschieht. Ich selbst kann es nicht. Du wärst dann auf immer ein Wunschfisch, würde dir das gefallen? Schön genug bist du ja schon.“
„Und wie!“, sprach aufgeregt der Siebente.
Rosso schloss die Augen und murmelte unverständlich einen Zauberspruch. Vor seinem Mund erschien eine goldene Lichtkrone, die er mit den Worten: „Nun sei ein guter Wunschfisch!“, dem Siebenten auf den Kopf setzte.
Den Fisch durchfuhr einen seltsame Kraft, die ihn leuchten ließ.
Dann hockte sich der Troll an den Teichrand und sprach: „Ich wünsche mich zurück an meinen Fjord!“ Sagt es und war verschwunden.
Als der Großvater am nächsten Tag die Fische fütterte, konnte er den Troll nicht mehr entdecken. Das fand er recht schade, denn er vermisste Gesellschaft. Leise sprach er vor sich hin: „Ach, die Kinder waren lange nicht mehr hier, sie fehlen mir sehr.“  Kaum gesprochen, klingelte es an der Gartenpforte und heiterer Besuch trat ein. Immer wenn Leo Krause fortan nach den Fischen sah und dort beiläufig einen kleinen Wunschgedanken aussprach, erfüllte der Fische mit der Zauberkrone sein Verlangen sogleich. Er musste nur nah genug am Wasser stehen, damit ihn der Siebente auch gut verstand.

***

© Petra Elsner, September 2020

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Der siebente Fisch (3)

Öffentliches Schreiben: Hier entsteht eine Gartengeschichte für Familien. Ihr könnt abschnittweise mitlesen und mir so beim Arbeiten ein bisschen zusehen. Zum 1. Abschnitt hier, zum 2. Abschnitt hier klicken.

…„Hey, lass mich raus!“
„Du bist also der Fischräuber an diesem Teich,“ grummelte der Großvater streng. „Aber wo gibt es denn so etwas, dass ein Troll bei Tageslicht unterwegs ist? Du müsstest längst ein Steinklumpen sein, also kannst du gar kein echter Troll sein. Vielleicht ein Zwerg oder Puck, aber kein Troll.“
„Aber klar bin ich ein Echter, ein guter Nisser aus Norwegen. Im letzten Sommer habe ich einen wunderschönen Zauberfisch gefangen. Der hatte mir versprochen meinen allergrößten Wunsch zu erfüllen, wenn ich ihn zurück in den Fjord werfe. Ich wollte immer schon bei Licht spazieren gehen, ohne dass es mich dabei in einen Stein verwandelt. Dass hat der Fisch mir zugesprochen. Und so hab‘ ich ihn zurück ins Wasser geworfen. Mein Wunsch erfüllte sich und so bin ich der einzige Troll, dem das Tageslicht nichts mehr antun kann. Übrigens, ich heiße Rosso und du kannst mich jetzt wirklich aus dem Netz lassen.“
Leo Krause murmelte: „Na gut, aber an meinem Fischteich wird nicht mehr geangelt, klar?“ Dann senkte er den Kescher zu Boden und ließ den kleinen Kerl aus den Maschen klettern.
„Klaro, hier wird nicht mehr gefischt! Aber Pilze und Beeren darf ich mir doch suchen?“, fragte Rosso nach.
Der Großvater nickte, baute seine Tarnplane ab und ging seinen Verrichtungen nach. Das Rätsel war ja nun geklärt. Abends stellte er dem Troll ein Schüsselchen Brei neben dessen Unterschlupf, man soll ja einem Troll ab und zu etwas spendieren, damit er keinen Unfug treibt und man gut mit ihm auskommt. Zufrieden genoss Leo Krause den Sonnenuntergang auf seiner Gartenbank, als er plötzlich ein Jammern und Schluchzten vernahm …

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Der siebente Fisch (2)

Öffentliches Schreiben: Hier entsteht eine Gartengeschichte für Familien. Ihr könnt abschnittweise mitlesen und mir so beim Arbeiten ein bisschen zusehen:
Zum 1. Abschnitt:

… Vorsichtig schlich der Großvater zum Teich, aber schwuppdiwupp war das hüpfende Büschel unter den Farnwedeln verschwunden. Leo Krause wartete ein Weilchen und fixierte dabei das Staudenbeet jenseits des Wassers, aber dort schnuffelte nur der Igel nach Käfern und Regenwürmern auf seiner Abendrunde. Langsam versank der Garten in der Dämmerung, heute würde Krause das Rätsel nicht mehr lösen können.
Schon mit den ersten Vogelstimmen stieg der Mann wieder aus seinem Bett, um nur gar keinen Teichbesucher zu verpassen. Mit einem Pott Kaffee platzierte er sich abermals auf der Bank hinter der Tarnplane und beobachtete das Gartenstück. Ein Waschbär durchstöberte das Revier und fraß das Fallobst von der Wiese. Dann ging er, wie er gekommen war, hinaus in den nahen Wald. Inzwischen fielen die Sonnenstrahlen auf die Solarzelle im Gras und setzten den leisen Bachlauf in Gang, was die Spatzen, Meisen und die Grasmücken bemerkten und sich dort nacheinander zum Morgenbad einfanden. Das heitere Gezwitscher weckte auch das rote Grasbüschel, das sich langsam aus seinem Steinversteck schob. Es hatte Arme und Beine und eine grüne Hose an. Der Großvater rieb sich die Augen und wunderte sich still. Das kleine Wesen legte sich auf seinen Bauch, tauchte sein Gesicht vollkommen in den Wasserspiegel und sah nach den Fischen: „Oh, wie schön bist du denn?“, wisperte der Rotschopf dem neuen Siebenten zu. „So, herrlich, so vollkommen anzusehen, komm näher, komm!“
Der Siebente fühlte sich geschmeichelt und schwamm auf das Wesen mit den schönen Worten zu. Das war der Moment, in dem Leo Krause seine Kescher über das Rot schnellen ließ und seinen Fang geschickt hochzog. In dem sackartigen Netz zappelte nun laut klagend ein Troll …

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Der siebente Fisch (1)

Öffentliches Schreiben: Hier entsteht eine Gartengeschichte für Familien. Ihr könnt absatzweise mitlesen und mir so beim Arbeiten zusehen:

„Ach, nö“, nörgelte der Großvater vor sich hin: „Schon wieder einer weg!“ Er schob sich die Brille fest auf die Nase und zählte noch einmal: „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs – äh, wo ist der Siebente?“ Er suchte mit seinen trüben Augen den Goldfischteich ab, aber der Siebente fehlte. Wo war er hin? Nachbars Kater schlich unschuldig auf seinen Samtpfoten durch das hohe Gras am Zaun und mauzte leise: „Ich war es nicht.“ Der Großvater sah ihm ungläubig hinterher, aber er würde schon dahinterkommen, wer den Siebenten geraubt hatte. Den letzten Siebenten hat ein Silberreiher geholt und den hatte Leo Krause jetzt auch wieder in Verdacht. Er musste sich einen neuen Siebenten besorgen. Sieben war eine magische Zahl: Sieben Tage hat die Woche. Sieben Weltwunder gibts, sieben Tore zählt die Unterwelt und im siebenten Himmel wohnt die Liebe. Märchen verehren die magische Sieben in „Die sieben Raben“ oder „Schneewittchen und die sieben Zwerge“. Die Sieben war Leo Krauses auserkorene Glückszahl, die er für sein Wohlbefinden brauchte. Ein zerbrochener Spiegel bringt sieben Jahre Pech und so ein Wasserspiegel aus dem jemand einen Fisch stielt, ist gewissermaßen auch kurzweilig zerbrochen. Also fuhr Leo Krause, das Unglück verhütend, in seine Lieblingszoohandlung und kaufte sich einen neuen siebenten Goldfisch. Das hat er schon öfter machen müssen, deshalb grinste der Verkäufer den alten Mann an: „Schon wieder einen Siebenten?“ Leo Krause nickte wortlos und guckte sich einen neuen Fisch aus. Diesmal solle es ein ganz besonderer Goldfisch sein, einer mit Schleierschwanzflossen, damit er ganz sicher sein könnte, er ist der echte Siebente. Zuhause angelangt, goss der Großvater das Glas mit dem Fisch vorsichtig in seinen Teich und begab sich auf die Lauer. Denn schließlich konnte er ja nicht alle Gartenbewohner unter Verdacht stellen. Üble Nachrede, das ging für Leo Krause so gar nicht. Er wollte Klarheit. Hinter einer Tarnplane mit Guckloch saß der Mann auf seiner Bank und wartete, was am Teich zur Abendstunde geschah. Die Schnecken krochen aus dem Moos am Wasserrand und schlichen hinüber zum Salatbeet. Zwei Ringeltauben kamen, um zu baden.  Die Fische interessierten sie dabei nicht. Sonst geschah lange Zeit nichts. Leo Krause wäre beinahe eingenickt, als er ein Knirschen vernahm. Woher kam es? Eine Steinplatte am Ufer bewegte sich und etwas Rotes kam zum Vorschein. Von weitem sah es so aus, als wäre es ein roter Grasbatzen, der sich sehr geschwind bewegte…

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Die Nacht, ein Ort (der Schluss)

… Man wird sie für eine Illusionistin halten, aber egal, es dämmerte ja inzwischen vielen, die Zeit würde nicht umkehren, der Wandel war schon unterwegs. Was wird sich ändern? Dass wusste naturgemäß auch Linda Mondschein nicht. Ihr Blick wanderte hinaus durch das Fenster zu dem einzigen Licht gegenüber in der nachtversunkenen Häuser-Silhouette. Sie hatte diesen kleinen Lichtfleck schon viele Nächte beobachtet. Eine Insel des Wachseins, dachte sie und spürte plötzlich eine vage Lust hinauszugehen. 17 Grad, Vollmondlicht. Ach, sie wünschte sich, endlich diese Corona-Angst abzulegen, sie wegzuwerfen in den finstersten Dunkelbusch, um sich wieder wirklich lebendig zu fühlen. Was machte der Neandertaler, wenn er Angst hatte? Er schrie und rannte so schnell er konnte davon. Linda Mondschein würde nicht schnell laufen können, sie war herzkrank. Aber vielleicht ein bisschen, bis zu dem schlaflosen Licht dort drüben. Sie schnürte sich die Laufschuhe zu, atmete tief durch und sprang schließlich mitsamt ihren Träumen vor die Tür in die andere Nacht.

Petra Elsner

 

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Die Nacht, ein Ort (5)

… Das Ungewisse bekam Kontur im riskanten Nachtraum. Riskant, weil der dunkle Ort verzaubern konnte, verwandeln, in ihm pendelt der Geist  zwischen Genie und Wahnsinn, zwischen heller Erkenntnis und schwerster Traurigkeit. Wer ihn betritt, ist durchaus gefährdet. Aber diese Angst fürchtete Linda Mondschein nicht. Sie liebte es, das Gedankenkarussell zu drehen. Sich den Kopf zu zerbrechen und die braunen Haare zu raufen. Ungezügelt umkreiste sie die Wunde der abgerissenen Zeit. Die Quelle war leicht auszumachen: Das Elend in der Welt. Und die Schuld für diese Zustände trug ganz offenkundig die unsoziale Gier. Die Tönniese dieser Welt. Aber die Maßlosen sind es nicht allein, Armut zulassen, dafür braucht es auch immer die Akzeptanz der vielen Zusehenden. Der Bessergestellten, die sich allein durch das vorhanden sein der Schlechtgestellten wertvoller fühlen. Kann die Virus-Krise diesen ehernen Verbund aufbrechen? Die Nachtfrau wünschte sich einen Wandel und träumte von einer Welt der Achtsamen, in der nachhaltig für Mensch und Natur gewirtschaftet wird. Für sie wäre das wünschenswert.  Doch noch herrschten ein anderer Gemeinsinn und das Virus …

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Die Nacht, ein Ort (4)

… Die Zeit war gerissen und flackerte nun nur noch als Fieberkurve weiter. Die Zeitnormalos flackerten über Tag mit, mal hektisch, dann wieder apathisch, denn das echte Leben war verschwunden. Alle ersehnten es, doch es war unwiederbringlich.  Das Alltagsgeschehen, die Politik und die Wirtschaft – nichts würde mehr so sein, wie vor der Pandemie. Frauen haben atmosphärisch ein besseres Gespür, als die zielfixierten Männer. Aber Single-Frauen spürten diesen Zeitabriss noch deutlicher. Schließlich verbannte die Kontaktsperre nach dem 23. März Singles vollkommen in die Einsamkeit. Niemand bemerkte Mitte Juni, dass Linda Mondschein kaum noch in den Tag fand und ihre soziale Selbstisolation auch nach den Lockerungen anhielt. Aber die Nacht war nicht nur ihr Schutzraum, die Nacht schärfte auch all ihre Sinne und spitze ihre Fantasie an. Auf sich selbst zurückgeworfen, konnte sie mit ihren Nachtgedanken ihre Corona-Angst dämpfen und sich der Macht der Nacht bedienen, denn die Nacht blendete das Herzrasen der Fieberzeit aus und öffnet den Vorhang für Visionen. Diese Krise könnte Kriege auslösen, Demokratien stürzen, aber vielleicht auch zu einer menschlicheren Gesellschaft führen. Linda Mondschein nährte nach und nach ihr Kopfkino …

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Die Nacht, ein Ort (3)

… Einmal in der Woche schlich sich Linda Mondschein maskiert in den nächsten Supermarkt. Nur für das Notdürftigste, dabei sah sie diese Merkwürdigkeiten auf wankenden Planken. Es schien ihr, als hätten all diese Einkaufswagen schiebenden Leute ihre Mitte verloren. Manche taumelten sogar in ihrer Atemnot. Ja, natürlich waren da auch noch die Coolen, die ihre Masken lässig unter dem Kinn, wie ein hippes Modeteil trugen. Oder die Lauten, deren Grimmblick allein wie eine Körperverletzung anmutete. Das ganze Leben maskierte sich, entgleiste und die Gewissheiten zerbröselten. Zu Ferienbeginn entfaltete sich eine launische Scheinwelt, die sich öffnete und hier und da schnell wieder schloss. Die verwaisten Orte der Kultur trugen nachts leuchtendes Rotlicht, eine magische Illusion aufblitzender Schreie, die die bange Frage schrill riefen: Was wird aus uns? Niemand konnte das beantworten. Nur draußen, auf den Bühnen unter freiem Himmel, gab es vorsichtige Spielstätten, freies Theater, Konzerte mit Abstandsgeboten, Maskenpflicht und Desinfektionen. Nichts für Linda Mondschein, diese Konstellation weckte keine Muße in ihr, die sie früher von einer schillernden Premiere zur nächsten umtrieb. Wenn sie jetzt gegen Mitternacht ihre Übersetzungen von Beipackzetteln und Bauanleitungen ihrem Fachverlag mailte, blieb sie ganz bei sich, schaute via Internet den verzweifelten Musikern bei ihren Küchen- oder Wohnzimmerkonzerten zu oder las sich durch die literarischen Texte der Bloggerwelt. Manche Empfehlung, die sie dabei fand, brachte sie dazu, sich Bücher online zu bestellen. Jedes Buch war für sie fortan wie eine Fernreise, ein Fest, eine neue Bekanntschaft, eine Begegnung, die zu ihrem klösterlichen Leben passte…

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Die Nacht, ein Ort (2)

… Als im Sommer die Menschen ihr altes Leben zurückverlangten und darin versuchten zu baden, blieb Linda Mondschein in der Nacht. Ihr Antrieb, die Angst. Die Politik agierte hektisch und im vollen Rampenlicht, um die wirtschaftlichen Abstürze im Land abzufedern. Längst hatte sie die Virologen wieder aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verdrängt, es war alles über Hygieneregeln gesagt. Jetzt hatte es der mündige Bürger wieder selbst in der Hand, ob er das Virus nährte oder nicht. Doch wo war der mündige Bürger? Er ging seltsame Bündnisse ein. Es schien, das Virus führte auch zu gesellschaftlichen Mutationen und Exzessen. Auch Linda Mondschein hatte sich verändert, die Virus-Krise stürzte sie in eine Lebenskrise. An schlafarmen Tagen schusselte sie sich fahrig durch die Nacht. Dem Verfall ihrer Lebensqualität zuzusehen, nahm ihr jedwede Leichtigkeit, mit der sie bisher all die Jahre durch das wellenreiche Leben segelte. Neugierig auf jähe Wendungen, mutig im Wind. Stattdessen floss plötzlich eine seltsame Furcht durch ihre Adern und sie ging nur noch in Bögen vorwärts. Die Geradeausspur war von Geboten verstellt. Die brachten nicht nur die Nachtfrau ins seitliche Ausweichen, auch viele andere Menschen bewegten sich seltsam verhuscht, nicht souverän…

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Die Nacht, ein Ort (1)

Linda Mondschein war ein Nachtmensch. Die Nacht war für die Mitvierzigerin  der Raum innerer Freiheit, immer schon. Vorzeiten war das Dunkel noch der Ort der großen Geheimnisse, amouröser Begegnungen, diffuser Sehnsüchte und der Gespenster. Inzwischen bedeutete die Nacht für Linda Mondschein – Sicherheit. Sie konnte die italienischen Bilder vom Sterben nicht vergessen. Sie brannten in ihrer Seele und schürten eine zittrige Angst. Deshalb hatte sie sich mit ihrem herzschwachen Leib in die Dunkelheit verzogen, in ein Eremitendasein, das den Menschen auswich. Ein echter Verzicht, denn Linda Mondschein mochte Menschen, die mit einem leichten Sprung besonders.  Aber das schien ihr eine  Ewigkeit her. Die lichtarme Nacht wuchs indes zu ihrem Schutzraum, in dem sie ein verblassendes Dasein führte. Damit das so blieb, fütterte Linda Mondschein ihre Corona-Neurose geduldig mit sperrigen Nachrichten. „7417 Tote in Deutschland“ rief das Radio am 11. Mai schlag null Uhr, das reichte schon, um es wieder auszuschalten und sich unter dem Mondlicht wegzuträumen, an einen Strand mit rauem Wellenschlag. Gischt und Salz in der Luft. Mit geschlossenen Augen konnte sie ihr fernes Sehnsuchtsbild skizzieren und darin wandern. In Gedanken war das ganz mühelos. Das Kreischen der Möwen in den Ohren, den Geschmack von heißem Sanddornsaft auf der Zunge, Sonnenfunken auf den nassen, geschliffenen Kieseln im Wellensaum. Dieses gedachte Strandwandern machte nicht die Muskeln sauer, der Atem stockte nicht, sie sah in das Bild, aber sie fühlte nichts. Gedankenmeere machen nicht das Herz weit und leicht…

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