Die Nacht, ein Ort (der Schluss)

… Man wird sie für eine Illusionistin halten, aber egal, es dämmerte ja inzwischen vielen, die Zeit würde nicht umkehren, der Wandel war schon unterwegs. Was wird sich ändern? Dass wusste naturgemäß auch Linda Mondschein nicht. Ihr Blick wanderte hinaus durch das Fenster zu dem einzigen Licht gegenüber in der nachtversunkenen Häuser-Silhouette. Sie hatte diesen kleinen Lichtfleck schon viele Nächte beobachtet. Eine Insel des Wachseins, dachte sie und spürte plötzlich eine vage Lust hinauszugehen. 17 Grad, Vollmondlicht. Ach, sie wünschte sich, endlich diese Corona-Angst abzulegen, sie wegzuwerfen in den finstersten Dunkelbusch, um sich wieder wirklich lebendig zu fühlen. Was machte der Neandertaler, wenn er Angst hatte? Er schrie und rannte so schnell er konnte davon. Linda Mondschein würde nicht schnell laufen können, sie war herzkrank. Aber vielleicht ein bisschen, bis zu dem schlaflosen Licht dort drüben. Sie schnürte sich die Laufschuhe zu, atmete tief durch und sprang schließlich mitsamt ihren Träumen vor die Tür in die andere Nacht.

Petra Elsner

 

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Die Nacht, ein Ort (5)

… Das Ungewisse bekam Kontur im riskanten Nachtraum. Riskant, weil der dunkle Ort verzaubern konnte, verwandeln, in ihm pendelt der Geist  zwischen Genie und Wahnsinn, zwischen heller Erkenntnis und schwerster Traurigkeit. Wer ihn betritt, ist durchaus gefährdet. Aber diese Angst fürchtete Linda Mondschein nicht. Sie liebte es, das Gedankenkarussell zu drehen. Sich den Kopf zu zerbrechen und die braunen Haare zu raufen. Ungezügelt umkreiste sie die Wunde der abgerissenen Zeit. Die Quelle war leicht auszumachen: Das Elend in der Welt. Und die Schuld für diese Zustände trug ganz offenkundig die unsoziale Gier. Die Tönniese dieser Welt. Aber die Maßlosen sind es nicht allein, Armut zulassen, dafür braucht es auch immer die Akzeptanz der vielen Zusehenden. Der Bessergestellten, die sich allein durch das vorhanden sein der Schlechtgestellten wertvoller fühlen. Kann die Virus-Krise diesen ehernen Verbund aufbrechen? Die Nachtfrau wünschte sich einen Wandel und träumte von einer Welt der Achtsamen, in der nachhaltig für Mensch und Natur gewirtschaftet wird. Für sie wäre das wünschenswert.  Doch noch herrschten ein anderer Gemeinsinn und das Virus …

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Die Nacht, ein Ort (4)

… Die Zeit war gerissen und flackerte nun nur noch als Fieberkurve weiter. Die Zeitnormalos flackerten über Tag mit, mal hektisch, dann wieder apathisch, denn das echte Leben war verschwunden. Alle ersehnten es, doch es war unwiederbringlich.  Das Alltagsgeschehen, die Politik und die Wirtschaft – nichts würde mehr so sein, wie vor der Pandemie. Frauen haben atmosphärisch ein besseres Gespür, als die zielfixierten Männer. Aber Single-Frauen spürten diesen Zeitabriss noch deutlicher. Schließlich verbannte die Kontaktsperre nach dem 23. März Singles vollkommen in die Einsamkeit. Niemand bemerkte Mitte Juni, dass Linda Mondschein kaum noch in den Tag fand und ihre soziale Selbstisolation auch nach den Lockerungen anhielt. Aber die Nacht war nicht nur ihr Schutzraum, die Nacht schärfte auch all ihre Sinne und spitze ihre Fantasie an. Auf sich selbst zurückgeworfen, konnte sie mit ihren Nachtgedanken ihre Corona-Angst dämpfen und sich der Macht der Nacht bedienen, denn die Nacht blendete das Herzrasen der Fieberzeit aus und öffnet den Vorhang für Visionen. Diese Krise könnte Kriege auslösen, Demokratien stürzen, aber vielleicht auch zu einer menschlicheren Gesellschaft führen. Linda Mondschein nährte nach und nach ihr Kopfkino …

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Die Nacht, ein Ort (3)

… Einmal in der Woche schlich sich Linda Mondschein maskiert in den nächsten Supermarkt. Nur für das Notdürftigste, dabei sah sie diese Merkwürdigkeiten auf wankenden Planken. Es schien ihr, als hätten all diese Einkaufswagen schiebenden Leute ihre Mitte verloren. Manche taumelten sogar in ihrer Atemnot. Ja, natürlich waren da auch noch die Coolen, die ihre Masken lässig unter dem Kinn, wie ein hippes Modeteil trugen. Oder die Lauten, deren Grimmblick allein wie eine Körperverletzung anmutete. Das ganze Leben maskierte sich, entgleiste und die Gewissheiten zerbröselten. Zu Ferienbeginn entfaltete sich eine launische Scheinwelt, die sich öffnete und hier und da schnell wieder schloss. Die verwaisten Orte der Kultur trugen nachts leuchtendes Rotlicht, eine magische Illusion aufblitzender Schreie, die die bange Frage schrill riefen: Was wird aus uns? Niemand konnte das beantworten. Nur draußen, auf den Bühnen unter freiem Himmel, gab es vorsichtige Spielstätten, freies Theater, Konzerte mit Abstandsgeboten, Maskenpflicht und Desinfektionen. Nichts für Linda Mondschein, diese Konstellation weckte keine Muße in ihr, die sie früher von einer schillernden Premiere zur nächsten umtrieb. Wenn sie jetzt gegen Mitternacht ihre Übersetzungen von Beipackzetteln und Bauanleitungen ihrem Fachverlag mailte, blieb sie ganz bei sich, schaute via Internet den verzweifelten Musikern bei ihren Küchen- oder Wohnzimmerkonzerten zu oder las sich durch die literarischen Texte der Bloggerwelt. Manche Empfehlung, die sie dabei fand, brachte sie dazu, sich Bücher online zu bestellen. Jedes Buch war für sie fortan wie eine Fernreise, ein Fest, eine neue Bekanntschaft, eine Begegnung, die zu ihrem klösterlichen Leben passte…

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Die Nacht, ein Ort (2)

… Als im Sommer die Menschen ihr altes Leben zurückverlangten und darin versuchten zu baden, blieb Linda Mondschein in der Nacht. Ihr Antrieb, die Angst. Die Politik agierte hektisch und im vollen Rampenlicht, um die wirtschaftlichen Abstürze im Land abzufedern. Längst hatte sie die Virologen wieder aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verdrängt, es war alles über Hygieneregeln gesagt. Jetzt hatte es der mündige Bürger wieder selbst in der Hand, ob er das Virus nährte oder nicht. Doch wo war der mündige Bürger? Er ging seltsame Bündnisse ein. Es schien, das Virus führte auch zu gesellschaftlichen Mutationen und Exzessen. Auch Linda Mondschein hatte sich verändert, die Virus-Krise stürzte sie in eine Lebenskrise. An schlafarmen Tagen schusselte sie sich fahrig durch die Nacht. Dem Verfall ihrer Lebensqualität zuzusehen, nahm ihr jedwede Leichtigkeit, mit der sie bisher all die Jahre durch das wellenreiche Leben segelte. Neugierig auf jähe Wendungen, mutig im Wind. Stattdessen floss plötzlich eine seltsame Furcht durch ihre Adern und sie ging nur noch in Bögen vorwärts. Die Geradeausspur war von Geboten verstellt. Die brachten nicht nur die Nachtfrau ins seitliche Ausweichen, auch viele andere Menschen bewegten sich seltsam verhuscht, nicht souverän…

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Die Nacht, ein Ort (1)

Linda Mondschein war ein Nachtmensch. Die Nacht war für die Mitvierzigerin  der Raum innerer Freiheit, immer schon. Vorzeiten war das Dunkel noch der Ort der großen Geheimnisse, amouröser Begegnungen, diffuser Sehnsüchte und der Gespenster. Inzwischen bedeutete die Nacht für Linda Mondschein – Sicherheit. Sie konnte die italienischen Bilder vom Sterben nicht vergessen. Sie brannten in ihrer Seele und schürten eine zittrige Angst. Deshalb hatte sie sich mit ihrem herzschwachen Leib in die Dunkelheit verzogen, in ein Eremitendasein, das den Menschen auswich. Ein echter Verzicht, denn Linda Mondschein mochte Menschen, die mit einem leichten Sprung besonders.  Aber das schien ihr eine  Ewigkeit her. Die lichtarme Nacht wuchs indes zu ihrem Schutzraum, in dem sie ein verblassendes Dasein führte. Damit das so blieb, fütterte Linda Mondschein ihre Corona-Neurose geduldig mit sperrigen Nachrichten. „7417 Tote in Deutschland“ rief das Radio am 11. Mai schlag null Uhr, das reichte schon, um es wieder auszuschalten und sich unter dem Mondlicht wegzuträumen, an einen Strand mit rauem Wellenschlag. Gischt und Salz in der Luft. Mit geschlossenen Augen konnte sie ihr fernes Sehnsuchtsbild skizzieren und darin wandern. In Gedanken war das ganz mühelos. Das Kreischen der Möwen in den Ohren, den Geschmack von heißem Sanddornsaft auf der Zunge, Sonnenfunken auf den nassen, geschliffenen Kieseln im Wellensaum. Dieses gedachte Strandwandern machte nicht die Muskeln sauer, der Atem stockte nicht, sie sah in das Bild, aber sie fühlte nichts. Gedankenmeere machen nicht das Herz weit und leicht…

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Die Fährfrau (5 – der Schluss)

Öffentliches Arbeiten an einer Kurzgeschichte:

… „Passen Sie auf, dass Ihre Seele nicht erfriert,“ raunte die Fährfrau unheilvoll.
„Und Sie? Lösen Sie besser Ihr eigenes Dilemma, als nur anderer Leute Last zu berühren,“ gab der Trotzige abweisend zurück. „Die Geheimnisse der Reisenden sollten ihnen allein gehören und nicht irgendeiner Fährfrau.“ Die Augen des Mannes schienen während er ihr die Worte zuschleuderte noch schärfer zu schauen.
„Das ist mein Job! Ich begleite Passagiere. Ihre Entscheidungen sind der Grund, weshalb es mich überhaupt gibt. Ich nähre mich gewissermaßen von der Kraft ihrer Geschichten. Das ist mein Geheimnis. Vielleicht wäre ich sonst vollkommen leer.“ Sie wandte sich von ihrem düsteren Fahrgast ab und blickte mit ihren verschwommenen Augen auf den Wellenschlag des Stroms und tief in sein Zeitgeflüster.
„Quatsch, Sie müssen nur anlegen, aussteigen, in das Leben eintauchen und ihre eigene Geschichte leben.“
„Aber ich gehöre auf diesen Fluss, in dieses Grenzgebiet zwischen Leben und Tod. Viele sind hier gestorben, manche gingen trotzdem weiter. Ich bringe sie hinüber.“
„Wie, auch Tote?“
„Ja.“
Er war neben sie getreten: „Nein, dass bist Du nicht, dass ist die Aufgabe des Fährmanns. Du aber bist eine Fährfrau, die die Liebe verströmt und versöhnt.“
Der Mann hatte sich verwandelt. Er trug jetzt einen schwarzen Lackmantel und einen Fischerhut. Die Fähre legte an und er reichte ihr die Hand: „Komm!“ Und sie gingen an Land und ließen die undankbare Zeit hinter sich.

© Petra Elsner
19. Oktober 2019

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Die Fährfrau (3)

Öffentliches Arbeiten an einer Kurzgeschichte:  3. Absatz:

… Sie dachte bei sich, während sie den Tauknoten löste: Das Schweigen ist wieder laut geworden im Schmerzland. Sie wusste, es führt zu Denunziationen und Sprechverboten. Die vergiften den Gesellschaftston und nähren die Furcht vieler, im Abseits zu landen. Mancher will heute allein deshalb über den Fluss. Andere suchen eine nichtssagende Adresse, eine ohne diesen geopolitischen Stempel. Sie fliehen vor dem seltsamen Rassismus unter Gleichen, der sie zu Ungleichen macht. Eine Schande. Wieviel Verletzungen kann ein Mensch ertragen, fragte sich die Fährfrau und fühlte beklommen nach ihrem stolpernden Herzschlag.
Der Rufende wartete am Ostufer mit stechendem Blick. Wortlos bestieg nun die Fähre, die wieder übersetzte. Die Frau am Ruder sah, hinter seiner verschlossenen Fassade tobte blanke Aufruhr. Seine Brauen zuckten, doch seine schmalen Lippen blieben verschlossen…

© Petra Elsner
17. Oktober 2019

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Die Fährfrau (2)

Öffentliches Arbeiten an einer Kurzgeschichte:  2. Absatz:

… denn der Fluss war plötzlich keine Grenze mehr. Man konnte in ihm baden, ihn durchschwimmen ohne einen Fangschuss fürchten zu müssen. Doch noch brauchte sie dieses Hin- und Hergleiten für ihren immerwährenden Diskurs, der nach Klarheit suchte, aber irgendwie nicht vorankam. Sie hatte einen Narrenkopf auf ihr Ruder gesteckt, der ihr voraussah – in das Ungewisse und er lästerte, wenn sie zurückblickte in zwei marternde Vergangenheiten. Wo gehörte diese Fährfrau hin? Und mit wem war sie unterwegs? Die, die das Sagen haben, bestimmten auch immer schon, was das Unsagbare ist. In allen Zeiten. Sie hielt sich nicht daran und wurde zu dem, was sie war – eine, die zu niemandem gehört. Wann begann das? Sie kam nicht an den Bodensatz ihrer Erinnerungen, denn vom Ostufer dröhnten Rufe an ihr Ohr…

© Petra Elsner
16. Oktober 2019

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Die Fährfrau (1)

Öffentliches Arbeiten an einer Kurzgeschichte:  1. Absatz:

Die Fährfrau zurrte das Tau fest und ließ die Plattform über den Strom gleiten. Der Wind blies ihr scharf ins Gesicht, doch er verschluckte auch das Wortgewitter in ihrem Nacken. Aufgeregtes Wasser trug sie und das Fahrseil zog sie geradewegs hin zum westlichen Ufer des Stroms, der ihr Schmerzland zerschnitt. Auf der anderen Seite wartetet niemand auf sie oder auf ihre schwimmende Insel, so konnte die Fährfrau ihren wunden Gedanken nachsinnen. In aller Ruhe, niemand würde sie stören, und möglicherweise würde sie die Fähre verlassen auf immer…

© Petra Elsner
15. Oktober 2019

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