Milchmond (26)

Öffentliche Winterschreibarbeit zu “Milchmond”, der Kriminalgeschichte von Petra Elsner.

… Alte Empfindungen knisterten unter ihren Schritten im Schnee. Helene Acker tippelte neben ihrer Tochter zum Friedhof. Sie stolperte mehr, als dass sie lief und es war nicht sicher, ob die Mutter verstanden hatte, wozu sie aufgebrochen waren. Die Frau ohne Erinnerungen war in dieser Stunde mehr umwölkt als andere. Ahnungsreich oder ahnungsleer, man sah es nicht. Sie liefen mit ihren Gebinden gebeugt in die Flocken hinein. Besser als Regen, dachte Julie bei sich und sah unterwegs erstaunt, wie viele der Sandberger sich zum Gottesacker aufgemachte hatten. Sie war also doch nicht so allein wie sie glaubte. Der Pfarrer sprach von unabänderlichem Schicksal und das Dorf umarmte die Acker-Frauen.  Kaum später verwehte eine plötzliche Schneeböe die Spuren der Trauergesellschaft vom Friedhof, die inzwischen im Dorfkrug Kaffee und Kuchen zu sich nahm und miteinander trank –leise, dem Leben zugewandt. Es ist anders, wenn eine vor der Zeit geht, wenn sie nicht ein ganzes Leben hatte, nicht einer schweren Krankheit erlegen war, sondern brutal hingestreckt wurde – von einer Mörderhand. Und der Mörder war noch da draußen, vielleicht sogar in ihrem Wald.
Die Wirtsleute hatten die große Tafel so angerichtet, dass jeder nach dem Kaffee oder Korn greifen konnte. Sie fühlten sich selbst als Trauergäste und hockten inmitten der Runde. Bernd Uhlig sprach in das verhaltene Gemurmel: „Ist wohl doch etwas dran an unserer alten Legende vom Milchmond.“  Anton, der neben ihm hockte, blubberte. „Mensch, Bernd, lass den alte Budenzauber ruhen. Es ist einfach ein irrer Mörder da draußen und kein sagenumwobenes Wesen. Hoffentlich fangen sie den Typen bald ein. Der Förster mault schon, es käme keiner bei ihm Weihnachtsbäume schlagen, das ganze Geschäft sei dieses Jahr im Eimer.“
Die Tür der Wirtschaft knarrte vor Kälte als sie aufsprang. Ein hagerer, gebeugter Mann schob sich in die Wärme. Mit stechendem Blick, spitzem Kinn und straff gebundenem Silberzopf lugte er unter einem schwarzen Schlapphut hervor. Als er ihn lüftete und nickend die Gesellschaft tonlos grüßte, raunte es in die Runde: „Der Gerhard!“
Julie glaubte nicht, was sie sah: Dort an der Garderobe stand offenbar ihr Vater. Ja, sie hatte deutschlandweit Traueranzeigen in den einschlägigen Wochenblättern  drucken lassen, eben deswegen, weil sie hoffte, er würde sich wenigstens zur Beerdigung seiner kleinen Tochter blicken lassen. Aber geglaubt hatte sie nicht wirklich daran. Nun stand er da und keiner wusste, wie mit der Situation umgehen. Es war der Wirt, der ihn an den Tisch holte. Dort saß er nun, aber keiner sprach mit ihm, auch Julie nicht…

© Petra Elsner
Februar 2018

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Alle in dieser Kriminalgeschichte vorkommenden Namen, Personen, Organisationen, Orte sind erfunden oder werden rein fiktiv benutzt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Geschehnissen, Orten oder Personen, lebend oder tot, sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.

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