Milchmond (25)

Öffentliche Winterschreibarbeit zur Kriminalgeschichte “Milchmond” von Petra Elsner.

… Die Flugblätter der Polizei zeigten Wirkung. Plötzlich standen wieder Menschen auf der Dorfstraße beieinander, plauderten, gestikulierten und lachten auch.  Die Erleichterung, dass Lauras Mörder nicht aus den eigenen Reihen stammte, war ganz offensichtlich. Aber dass man nun keine Waldspaziergänge allein unternehmen sollte, war doch unheimlich. Dörte schauderte es und sie sorgte sich zugleich: „Wie soll ich denn jetzt meinen Vermessungen in der Heide nachgehen? Wir sind viele zu wenige Ranger in der Biosphäre, als dass wir zu zweit unterwegs sein könnten. Kommst Du mit Rosa?“ Die alte Nachbarin grinste und meinte nur: „Wenn Du mich trägst und meine Katze nimmst.“ Dörte atmete tief durch: „Tragen ja, Katze – nein.“
Hans-Joachim betrat die Straßenbühne. Er wollte seine Wochenladung Eier ausliefern und hatte dazu sein weißes Lieblingspferdchen angespannt, das einen Großvaterschlitten zog. Die Frauen prusteten, als der Mann seine üppigen Massen auf das Gefährt setzte und indem die morschen Leisten unter ihm zerbrachen. Zwei Zentner Hans-Joachim plumpsten in den Schnee, aus dem es nörgelte: „Da gibt’s nur alle zehn Jahre mal richtig Pulverschnee und dann putscht mein einziger dieselfreier Transporter!“ Als er wieder stand und Rosa ihm den Schnee vom Rücken klopfte, tröstete sie den Eiermann des Dorfes: „In meiner Scheune steht noch ein schöner, alter Kutschenschlitten. Den kann‘ste Dir holen, vorausgesetzt, Du nimmt auch meine kleine Katze mit dazu.“ Hans-Joachim brummte: „O.K.“

Auf der Bank lag etwas. Juli sah es ganz deutlich, auch im Dunkeln. Aber die Schatten waren nicht erschienen, obwohl es schon kurz vor Mitternacht war. Die Frau konnte nicht anders, sie musste aufstehen, den Mantel überstreifen und zu dieser Bank gehen, um zu sehen, was da lag. Es war ein Buch, ein dickes. Ganz neu und mit prächtigem Einband auf dem „Tintenherz“ stand. Sie sah sich um, als wollte sie vermeiden, dass ihr jemand zusah, wie sie nach dem Buch griff und es mit zu sich ins Haus nahm. Als sie es aufschlug, stand da in etwas zittriger Sütterlinschrift: „Lesen heilt. Dieses Buch wird Dein Freund sein, Dir in jeder noch so traurigen Stunde beistehen und Deine Einsamkeit zerstreuen. Vertrau‘ ihm!“

 

© Petra Elsner
Februar 2018

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Alle in dieser Kriminalgeschichte vorkommenden Namen, Personen, Organisationen, Orte sind erfunden oder werden rein fiktiv benutzt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Geschehnissen, Orten oder Personen, lebend oder tot, sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.

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