Milchmond (17)

Öffentliche Winterschreibarbeit zur Kriminalgeschichte “Milchmond” von Petra Elsner

Julie stolperte heimwärts. Weshalb nur fuhr Laura auf der Chaussee nach Groß Dölln, sie wollte doch noch zur Tanke in Zehdenick? Hatte sie das in ihrer Rage verworfen? Vom Grübeln fühlte sich Julies Kopf schon ganz wund an. Die Kälte verstärkte ihren Zustand. Glühwein und Korn – eine üble Mischung, morgen wird sie jede Haarspitze spüren. Als die Wolken aufrissen und einen weißen Mond freigaben, blieb sie in seinem fahlen Licht stehen. Der offene Nachthimmel verriet, ein starker Wind wird aufziehen.
Aus der Stille schwappte ein seltsamer Ton. Etwas wie borkiges Räuspern. Es kam von der Bank, auf der zwei Moosgestalten hockten. „Ihr habt mir heute gerade noch gefehlt“, murmelte die Frau fröstelnd in ihren Wickelschal. Wenn ich jemandem von Euch erzählen würde, die steckten mich doch glatt in die Klapse. Die Schatten stimmten ihr nickend zu. Der Kleine rutschte ein Stück zur Seite und winkte. Julie schwankte die letzten Schritte zur Bank und ließ sich schließlich zwischen den Nachtschatten nieder. Es war kalt und die Gestalten neben ihr hatten kein bisschen Wärme für sie, aber sie sprachen mit ihr: „Weißt Du noch, wie Du früher immer in den Rehbergen gerutscht bist? In einem Pappkarton mit Laura die dünne Schneepiste hinab? Das war ein Gaudi! Zum Faschingsrodeln schauten immer zwei Seeräubertöchter aus dem Karton. Es war so ein stabiler Westkarton mit Metallecken von Eurem Vater.“ Der kleine Moosschatten schwieg nachdenklich, es schien, als würde er tief atmen und seufzen. Da sprach der große Schatten weiter: „Von Liebe hat er Euch geschrieben und der Hoffnung auf ein Wiedersehen. Auf einer bunten Karte, die stets in dem Karton voll Apfelsinen lag. Aber als jener Herbst kam, in dem die Mauer fiel,  blieben seine Lebenszeichen aus. Unbekannt verzogen oder auch abgehauen zum zweiten Mal. Viele hofften in diesem milden Winter auf ein Leben in Freiheit und waren doch bald nur Beute. Dieser Herbst deckte unzählige Lügen auf allen Seiten auf.“  Julie konnte nicht antworten, sie hatte einen Klops im Hals. Sie wusste, die Nachtschatten sind erfundene Realität, aber weshalb sprachen sie mit ihr?
Ein schwerer Griff rüttelte sie wach. „Süße, willst Du erfrieren?“ Anton Müller hatte die junge Frau auf seinem Heimweg in der Nacht entdeckt, griff ihr unter die Arme, stellte sie auf und schob sie die wenigen Meter bis vor das Hoftor der Familie. Ohne ein weiteres Wort verzog sich der Helfer dieser Nacht, es war in Sandberg nicht üblich, kleine Peinlichkeiten zu kommentieren…

© Petra Elsner
Februar 2018

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