Milchmond (12)

Öffentliche Winterschreibarbeit zur Kriminalgeschichte “Milchmond” von Petra Elsner

… Am Freitagabend brannte im Dorfkrug endlich wieder Licht. Eisiger Ostwind blies den ersten Frost in die Heide. Julie schlotterte innerlich auf dem Nachhauseweg. Ein Glühwein wäre jetzt nicht schlecht. Als sie die Holztür zur Wirtschaft öffnete, schlug ihr Stimmengewirr, Zigarettenqualm und der Mief von Frittieröl entgegen. Es war schon nach 22 Uhr, da dröhnten die einschlägigen Verdächtigen lauter, als zu Beginn der feierabendlichen Zapfparty. Halb Sandberg drängelte sich im Krug, denn natürlich wollten alle wissen, was mit Bernd Uhling los war, bevor ihn die Polizei kassierte und er für schlapp 24 Stunden verschwand. Aber der Wirt schwieg. Mit fester Mimik füllte er die Gläser und servierte sie wortlos. Stumm und steif wie ein englischer Butler. Das stachelte die Neugier des Walddorfes noch mehr an und so begann die Gerüchteküche langsam zu blubbern. Die Vorruhestandszwillinge hatten bereits den achten Korn, als der Ältere, Klaus, leise vor sich hin lallte: „Zu viele Körner und Kröten geschluckt, da kann man schon mal rasten.“ Und der Jüngere, Konrad, laberte ihm ins Ohr zurück: „Was heißt hier Kröten, dem hat nur ne fette Laus zu lange auf der Leber gesessen.“ „Leber war auch irgendwie dabei. Die plätscherte ein Hirsch-Delirium vom Feinsten“, lästerte Anton Müller im Flüsterton hinter vorgehaltener Hand den Zwillingen zu. Die Drei grinsten einander vielsagend an, dann klopfen sie weiter ihren trödeligen Skat. Am Nebentisch debattierten die Forstarbeiter mit den Jägern über den Rückgang des Rehbestandes und die Waldbauern hockten mit Dörte Sandig am nächsten Tisch zusammen. Die hatten ihre Wildkameras miteinander auswertetet. Holzdiebe hatten sie keine entdeckt, aber zwei Wölfe bei Grunewald. Durchreisende oder ein Paar, das war hier die aufgeregte Frage, die in der vorgerückten Stunde im Geplätscher der geistigen Getränke langsam ersoff.
Juli hatte sich auf das Bankstück neben dem Ausgang gehockt und schlürfte ihren Glühwein. Hier würde sie es heute nicht mehr lange aushalten. Zu voll, zu laut, zu spät für alles….

© Petra Elsner
Februar 2018

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