Sommerloch-Geschichte (1)

(Wie diese Kurzgeschichte entsteht, könnt ihr live mitlesen, heute die erste Passage.)

Die Hitze unterm Sonnenhut

Zeichnung: Petra Elsner

Mit der ersten S-Bahn entfloh er den Stadtsteinen und stieg in Karow in die Heidekrautbahn, die ihn nach Groß Schönebeck brachte. Von dort folgte er der L 100. Noch war der Morgen frisch, aber die Wärme fiel sehr bald vom Himmel und zwickte auf seiner roten Kopfhaut. Der Mann stülpte sich einen Strohhut auf die heiße Glatze und radelte weiter Richtung Norden. Unter dem Hut dümpelte die Ansage seines Ex-Chefs: „Sie brauchen morgen nicht mehr so früh aufzustehen, ihr Vertrag läuft aus, und ich werde ihn diesmal nicht erneuern.“ Alexander Wahlberg konnte es nicht fassen. Er war 63 Jahre alt, 18 Jahre schuftete er für diese Firma, mit 18 Jahresverträgen als freier Mitarbeiter und dieser junge Schnösel schnitt ihm einfach die Lebensader ab. Einfach so. Zwar war seit Jahren klar, dass man erst mit 67 Jahren in Rente gehen dürfe, aber wen interessierte das schon. Allerorten freie Stellen in Brandenburg nur eben nicht für die Ü60er. Wahlberg sagte kein Wort, er wandte sich ab und ging, denn er wollte auf keinen Fall seine Tränen zeigen. Aufgewühlt dachte er bei sich: Das ist das Ende. Nachts schlief er schlecht und stand am Morgen auf, wie er jeden Morgen aufgestanden war, nur nahm er einen anderen Weg. Richtung Norden. Ab in die Uckermark, zu dem brüchigen Katen, den er vor Jahren für ein Spottgeld erstanden hatte. Als Sommersitz, nur war er nie wieder dorthin gekommen.  Keine Zeit…

Dieser Beitrag wurde unter Sommerlochgeschichte öffentliches Abeiten abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Kommentare zu Sommerloch-Geschichte (1)

  1. Frank Liebke sagt:

    Dieser Anfang der Geschichte trifft wieder mal voll meinen Nerv, liebe Petra. Ich bin schon jetzt auf jede Folge gespannt. Danke dass man so einfach mitlesen darf, wie schon die anderen Geschichten auch. So wird wohl (wieder mal) jeder Morgen vor Beginn meiner Arbeit die Frage bringen, “na, gibt es heute schon eine neue Folge?”

    Viele Grüße vom Frank

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.