Hitze unterm Sonnenhut – eine Sommerlochgeschichte (3. Passage)

… Auf der Wellenschaukel, einem waldgesäumten Asphaltband, das über die Sander der Schorfheide sprang, kam der Mann das erste Mal so richtig ins Schnaufen. Aber dann, er glaubte kaum seinen Augen, schoss er in der Abfahrt auf zwei Hirschkühe zu. Sie sahen ihn kommen und rührten sich nicht. Wahlberg bremste scharf, dass es hinter ihm staubte, dann standen sie sich Auge in Auge gegenüber. Sekundenlang. Die Hitze wölbte sich unter seinem Sonnenhut, als die Tiere zu tänzeln begannen und schließlich davonsprangen. Der heller lichte Tag sah den Mann hochrot und sprachlos, dass hätte er in Berlin nie erlebt.
In Eichhorst gönnte er sich am Werbellinkanal eine Pause, holte sich dazu ein Fischbrötchen und sah von einer Parkbank aus dem ruhigen Schleusenbetrieb zu. Der Vogel auf seiner Schulter schien in seiner Angststarre zu verharren, bis zu jenem Augenblick, als Wahlberg ihm ein paar Brötchenkrümel vor den Schnabel hielt. Gierig hackte der Vogel zu und tschilpte leise, blieb aber fest am Hemdkragen hocken. Offenbar hatte er einen Begleiter bekommen, aber noch rund 50 Kilometer lagen vor ihnen.
Auf dem Berlin-Usedom-Radfernweg überholten den Mann mit dem blauen Vogel sogar die ältesten Rentner mit ihren schicken e-bikes. Sein Drahtesel stammte noch aus dem Land, das keine Sollbruchstellen kannte. Es hatte jahrelang im Keller auf diese große Ausfahrt gewartet und trug seinen Besitzer langsam, aber immer weiter in den Norden in das Land der 590 Seen und seiner Träume. Lange hatte sich der Mann nach ihm gesehnt, jetzt war er zu sich selbst aufgebrochen…

 

© Petra Elsner
Juli 2018

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