Vaters Bademantel (Kurzgeschichte für Erwachsene – Teil 4)

Zwei Tage später rollte die Turban-Frau mit ihrem Bett zurück in das Einzelzimmer. Sie schien zu schlafen, während die Schwestern ihr Krankenlager hin und her rangierten. Vera streichelte im Vorbeigehen den hastig atmenden Bademantelstreifen, der sich moosgrün beulte: „Na, Bademäusel, bist du wieder eingezogen und hältst Wache? Das ist gut. Du hast vorgestern der Frau das Leben gerettet, ich bin dir sehr dankbar dafür.“ Vera entschwebte und die blaue Maus grinste breit und glücklich.
„Du hast mir das Leben gerettet – Bademäusel, echt, wie?“, stöhnte die Turban-Frau aus ihren Kissen.
„Ich hab‘ nur den roten Klingelknopf betätigt, mehr nicht!“
„Das war wohl zur rechten Zeit, ich danke dir.“
„Keine Ursache.“
„Wie kommst du denn zu dem schönen Namen Bademäusel? Genauso nannte mich mein Vater in den Ostseeferien?“

Die Verwandlung. Zeichung Petra Elsner

Das war die richtige Frage für den kleinen Nager, die ihm noch niemand gestellt hatte. Endlich konnte er jemand in sein großes Geheimnis einweihen. Und so erzählte er ihr aus dem Dunkel der Tasche die seltsame Verwandlungsgeschichte vom Gummibademäusel zur lebendigen, blauen Maus. Die Turban-Frau lauschte interessiert.
„Geht es dir besser?“, fragte die Maus und schaute dazu wieder aus der Flachmanntasche.
„Ja, der Kopf brummt noch ein bisschen, dafür sind die Armbrüche jetzt gut verschraubt. Aber sie würden schneller heilen, wenn ich mein Knochenkraut hätte.“
„Was für ein Knochenkraut?“, fragte die blaue Maus hellhörig.
„Beinwell.“
„Oh, das ist aber sehr, sehr lange her, dass die Badefrauen diese rauen Blätter zum Heilen benutzten“, sinnierte die blaue Maus. Ich wüsste gar nicht, wo man die heute noch herbekäme.“
„Aus meinem Garten“, antwortete die Turban-Frau tonlos. Sie war inzwischen schon wieder sehr schlapp-müde, als sich die Tür öffnete und ein riesiger Mann, gepresst in lack-schwarzes Leder, in den Raum schaute: „Biker-Tine, hallo, lebst du noch?“
„Gerade so.“

© Petra Elsner
8. März 2019

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Kommentare von FB:

Anja Llom Oh, wie schön! Das alte Beinwell-Wissen! Es macht mir viel Spaß, die Geschichte zu lesen und ich bin immer neugierig, wie es dann weitergeht. (8. März 2019)

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