Der Grenzgänger (Abschnitt 3)

Eine Kurzgeschichte in Arbeit:

… Sollte man sie daran gleich erkennen? Wie ein Achtungszeichen: Wir haben dich im Visier! Aber der Raucher auf der Bank fürchtete sich nicht vor seinem Beschatter. Er war ihm egal, vielleicht hatte er einfach schon zu viele von denen gesehen, er verachtete sie still. An diesem Sonntagmorgen aber war etwas anders. Er sah seinen Schatten im Licht. Eine ärmliche Gestalt, ausdruckslos. Irgendetwas reizte Tonio, ihn einfach anzusprechen. Er stand auf und schlenderte auf den Mann mit dem Handgelenktäschchen zu. Der zuckte regelrecht zusammen als der Grenzgänger ihn ansprach: „Na, meinste nicht, dass du hier an der falschen Ecke stehst? Die mit dem Täschchen wedeln treffen sich eigentlich unter der Hochbahn, gleich neben Currywurst-Konnopke oder in den Offenbachstuben.“
Der Schatten empörte sich: „Ich wedle nicht mit dem Täschchen und bin auch nicht vom anderen Ufer.“
„Sieht aber so aus.“, erwiderte Tonio amüsiert.
„Grins nicht so frech!“
Tonio wagte sich aus der sprachlosen Deckung und witzelte: „Eigentlich können wir uns doch ein bisschen unterhalten, während du mich verfolgst. Ist nicht so langweilig. Was meinst du?“
Der Schatten war irritiert. Er wusste einfach nicht, wie er reagieren sollte. Dass eine Zielperson ihn einfach ansprach, war ihm noch nie passiert. Im Grunde war seine Observierung jetzt sinnlos. Tonio Krüger würde ihn wissentlich garantiert nicht in subversive Kreise einführen. Wenn, dann unbewusst. Krüger ging über alle Flüsse der Stadt. Er blieb nicht nur in seinem Viertel, wie so viele andere, und unterhielt Kontakte in alle Unter- und Aussteigerwelten der Stadt. Dass machte ihn für die Stasi interessant. Als Tonio weiterging, lief sein Schatten wortlos neben ihm auf.
„Steck die Tasche in deinen Blouson, ich will nicht in den Kieztratsch geraten, so oder so,“ zischte Tonio. Der Spitzel kam dem Verlangen nach und fragte: „Wohin gehen wir?“
„Wir, gehen nicht weit miteinander. Keine hundert Meter.“ Ecke Steinstraße war endlich das Fenster der Schwester weit geöffnet und Tonio drehte schlagartig nach rechts ab: „Ich geh jetzt schlafen, ohne Schatten versteht sich.“
Der Spitzel stand noch ein Weilchen wie angewurzelt, dann ging auch er…

© Petra Elsner
6. Juni 2019

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