Morgenstunde (167. Blog-Notat)

Weinbergschnecke

So’n Tempo hat doch was: Schleichende Eleganz. Bei Weinbergschnecken sehe ich das gerne, bei mir nicht so sehr. Ich schleiche heute auch. Gestern war die privat bestellte Lesung im Garten. Ich glaube, es hat gefallen, aber nun brauche ich doch mal ‘nen Schluck Ruhe. Denn Samstag war außer der Reihe eine echt sportliche Nummer hinzulegen: Mein Verlag fragte morgens per Mail an, ob ich nicht 3 Mini-Bier-Krimis schreiben könnte, jeweils eine schlappe A4-Seite – bis Montag. Ich bin kein Biertrinker, aber ich beobachte täglich einen 😊. Ja, der Sonntag war verplant, also habe ich die drei Teile an einem Tag geschrieben. Schnauf. Eine dieser Mini-Krimi-Episoden stelle ich Euch hier vor, es war die letzte an diesem Tag. Habt alle miteinander eine schöne Woche – ich hab jetzt Pause…

Der Bierschamane

Er wollte ein spirituelles Bier brauen, eines dass die Träume erweitert und nun lag eine Leiche in seinem Bierkeller. Hingerafft und atemlos. Er hatte dem bitteren Hopfen Bilsenkraut zugefügt, um beim kommenden Oktoberfest an der Oder ein rauschartiges Getränk zu zelebrieren. Nur für die Eingeweihten im Schamanenzelt, versteht sich. Doch, natürlich war er vorsichtig mit der richtigen Dosierung, um nicht ein toxisches Bier herzustellen. Aber bei manchem, das wusste der Brauer auch, löst selbst eine geringfügige Gabe des Bilsenkrauts eine Atemlähmung aus. Hubert Kraus hatte sich offenbar vertan. Aufgewühlt lief er im Keller hin und her. Sie musste weg – diese tote Frau! Sie war die Letzte, die bei seiner Brauereiführung eine Kostprobe von diesem speziellen Gebräu nahm. Die Frau war ohne Begleitung unterwegs, so fiel ihre Abwesenheit beim Abschied nicht weiter auf. Niemand vermisste sie. Als Herr Kraus zurück in die Halle trat, japste sie nur noch, dann sackte sie in sich zusammen und er, der Bierpanscher war ein Mörder. Ein Giftmörder. Dabei wollte er doch nur Gutes tun und sein Bier als flugtaugliches Rauschmittel seinen Fans zelebrieren, als Zaubermittel beim Tanz zur Trommel. Doch diese unerlaubte Zutat wird nun fraglos seinem Bier-Schamanen-Dasein ein Ende setzen, auf immer. Dabei hatte er so eine stille Freude an seinen Experimenten mit Wermut- und Beifuß-Kraut im Bier als wunderbares Schlafgetränk. Er schwor auf die magischen Kräfte von Teufelsapfel, Wacholder und Sumpfprost. Manch einer seiner Naturfreunde liebte ihn förmlich dafür. Ich will nicht in den Knast, dachte er – die Frau musste verschwinden, nur wie? In einem der Fässer? Hopfenöle konservieren. Aber nein, die Leiche würde das Bier gewiss nur verderben und er könnte davon nie mehr etwas trinken. Vielleicht verstecke ich sie besser in der Kanalisation oder werfe sie im Nebel des Morgengrauens in den Fluss? Hubertus Kraus hockte ratlos neben der Toten und hatte keinen Plan. Seine Erregung wuchs als die alles verbergende Nacht aufgezogen war. Auf einmal schnorchelte die Frau leise und zuckte. Sie war nicht tot? Wieso hatte er das nicht überprüft? Die Atemnot hatte sich offenbar nach dem stoßartigen Japsen entspannt und die Verkosterin war in einen seltsamen, fast leblosen Schlaf entglitten. Meine Güte, beinahe hätte ich sie entsorgt, dachte der Mann und fühlte sich immer noch wie ein Bierkiller. Besorgt griff er zu seiner Trommel und sang sein Schamanen-Lied. Immer wieder, wie eine Laier, bis die Frau endlich nach Stunden erwachte und noch benommen die Frage aller Fragen stellte: „Was um Himmels Willen war das für ein hammerhartes Zeug?“
© Petra Elsner

 

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6 Kommentare zu Morgenstunde (167. Blog-Notat)

  1. Wow, da warst du aber megafleißig liebe Petra. Solche Überfalle sind nix mehr für mich, aber du hast meine volle Bewunderung!

  2. Petra Elsner sagt:

    Dankeschön, lieber Arno. Aber für mich ist das eigentlich auch nicht mehr das Erwünschte. Ich hab nur während meiner journalistischen Zeit immer auf Zuruf täglich zwei, drei Texte in diesem Format liefern zu müssen… das verlernt sich nicht, die Ideen aus dem Stand zu entwickeln, dass ist das eigentliche Problem…

  3. Franke sagt:

    Hallo Petra hat ja noch ein schönes Ende genommen der Brauereirundgang.
    Und jetzte weisste auch warum Frauen nur ein 1/2 Glas Alkohol trinken sollen.
    Is eben nur was für Männer, viele fallen erst nach einigen Litern um, weil der Körper das nicht gleich erkennt . Würde der Imker jetzt sagen.😜
    Euch auch eine schöne Woche. Hoffentlich ohne Bodenfrost.
    LG HP

  4. Petra Elsner sagt:

    Hallo, lieber Hans-Peter, kann ja jeder machen, wie er will :). Ein halbes Glas wäre mir definitiv zu wenig, aber besser ungepanscht. Bodenfrost haben wir leider doch. Grüße zurück nach Potdam

  5. Ob sich die Frau zu guter Letzt einen Krug des hammerharten Gebräus mit nach Hause genommen hat, man weiß es nicht.
    Eine sehr schöner Kurzkrimi, mit gutem Ausgang.

    VG
    Carl Weltwitz

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