Moosgrün

MoosgrünDer Regentag versenkte gerade sein letztes fahles Licht im Unterholz. Moosgrün, der Waldwicht, räkelte sich auf seinem Lager aus welken Blättern, als ein Wassertropfen durch das Laubdach rann und seine Nase  traf. Platsch, nun war er wach. „Verflixter Ökowecker!“ Er rubbelte sich seine zwei Haare trocken und stülpte seine Filzkappe darüber, da wackelte plötzlich die Erde unter seinen Füßen, und es knackte mächtig. Scheinwerfer flammten auf und fluteten das Dunkel.  Panisch raffte der Wicht seine Hosen, Socken und die wunderschöne Frühstückseichel. Dazu schrie er voller Entsetzen: „Holzernter! Holzernter! Um Himmelswillen, sie werden meinen Baum fällen, gleich oder später! Wo ist nur das Zauberwasser?“ Die kleine grüne Gestalt zitterte am ganzen Leib. Eine Motorsäge kreischte auf, und Späne hämmerten zerstörerisch auf Moosgrüns Hüttendach. Der Flakon mit dem Zauberwasser klirrte von den Schlägen der harten Späne, als wollte er sagen: „Hier bin ich!“. Schnell griff der Waldwicht das Fläschchen und rutschte auf seinem Hosenboden abwärts in seinen Wurzelkeller. Da ächzte schon der mächtige Baumriese über ihm und fiel krachend zu Boden. Und nach ihm noch einer, und noch einer, die ganze Nacht lang.

Moosgrün jammerte leise in dem finsteren Loch. Seit einer Ewigkeit hauste er am Fuße dieser alten Eiche mit der Aufgabe, die Bäume zu beschützen und im Frühling mit einem Spritzer Zauberwasser zu erwecken. Doch gegen die gigantischen Holzerntemaschinen war sein kleiner Zauber völlig wirkungslos. Er hatte es versucht, keine Frage. Aber wo kein Glaube, da kein Gehör – seine Bannflüche  erreichten nicht einmal als Wispern die Ohren der Männer auf dem schweren Gefährt.  Der Waldwicht war schließlich nur ein ganz kleiner Frühlingsgeist.

Moosgrün kannte fast alle Eichen des Waldes, so um die 2000 ganz alte Exemplare. Man sah es ihm nicht an, aber er war schon vor gut drei Jahrhunderten dabei, als sie gepflanzt wurden, damals, als der Wald den Namen „Schorfheide“ bekam. Der Waldgeist liebte die mächtigen Eichen und auch jene, die indes als totes Bruchholz aus der Landschaft ragten oder zwischen die Farne gestürzt waren. Mit Moos bewachsen, sahen sie ganz samtig aus, mal wie ein schlafendes Tier, mal wie die Höhle eines Erdwesens. Lange grübelte er, was er tun könnte. Er wollte einfach nicht, dass diese mächtigen Stämme aus dem Wald verschwinden. Die zündende Idee kam ihm, als er an den steinernen Wegweisern vorbeihuschte. Sie trugen Namen und wurden von Jedermann geachtet. Deshalb? Ja, weil man dank ihrer den rechten Weg durch das weitläufige Gebiet finden konnte. Namen sind so etwas wie Merkzeichen, die den Dingen eine Bedeutung geben. Hm, das war es!  Wenn er nun den Waldbäumen einen speziellen Namen verleihen würde, was würde geschehen? Er kratzte sich seinen Kopf unter dem Filzhütchen. Hm, sie wären etwas Besonderes, und man könnte sie so nicht einfach mehr verschwinden lassen! Noch besser, wenn die Namen richtig berühmt wären wie Kunstwerke. Ha! Das ist es: Der Wald als Naturkünstler! Die Menschen würden seine Baum-Skulpturen ganz ehrfurchtsvoll betrachten, und keiner würde es mehr wagen, sie anzutasten.

Seit diesem Gedanken schuftete Moosgrün tagein, tagaus. Immer, wenn die Nacht am dunkelsten war, lief er durch seinen Wald und verteilte Namen, Künstlernamen, denn nachts war er besonders erfinderisch. Tagsüber wälzte er kleine Findlinge zu den Eichenfüßen herbei und schrieb mit Farbe die Namen seiner Waldskulpturen darauf: „Humpelnde Walküre“, „Tanzender Bär“, „Knarrender Lindwurm“, „Melancholischer Riese“, „Fromme Gouvernante“ …, und fortan witterten seine Baumfreunde, viel beachtet und deshalb behördlich geschützt, in der Zeit. Denn mit den Namen kamen die Menschen, um die Naturskulpturen zu bestaunen.

Aus „Schattengeschichten aus dem Wanderland“ – Schorfheidemärchen von Petra Elsner, noch immer erhältlich im Schibri-Verlag.

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