Der Puck des Lichterkettenmanns – eine Adventsgeschichte

Der Mann, der die Lichterketten in die Weihnachtszeit hängt, saß am Tresen und schaute glasig in das Gesicht im Rückbuffetspiegel. Er nahm einen kräftigen Schluck und erzählte dem Gegenüber seine Geschichte weiter: „Ich hab Kummer mit meinem Puck, großen! Ach, du weißt nicht, was ein Puck ist? Na, so ein kleiner Hauskobold. Der ist dem Wirt vom Groß Vätersee weggelaufen, weil es da nichts mehr zu rumoren gab. Hat zugeschlossen der Wirt, und nun gibt es dort kein schönes Bierchen mehr.

Der Puck des Lichterkettenmanns Zeichnung: Petra Elsner

Der Puck des Lichterkettenmanns
Zeichnung: Petra Elsner

Da ist der Puck heimlich bei mir eingezogen. Unterm Dach, in einer alten Truhe verschläft er den Tag, aber nachts, da geht er um. Was er so treibt? Na, er räumt auf und beschafft Zeugs. Oder besser gesagt, er klaut beim Nachbarn: Eier, Stroh und Holz … So was macht richtig Ärger.“ Der Lichterkettenmann hob bedeutungsschwer die Brauen und lallte weiter: „Deshalb hab ich ihn heute in der Stadt ausgesetzt, in einem Instrumentenkoffer. Der Straßenmusiker suchte gerade etwas in seinen Taschen. Ja, ich habe einfach diesen Koffer aufgeklappt, und schwuppdiwupp, rein mit dem frechen Kerl und die Klappe zu. Ja, das hab ich gemacht und nu‘ is‘ Ruhe.“ Er nickte dem Satz demonstrativ hinterher und starrte ein Weilchen ins Leere. Als sein Blick endlich wieder über das Spiegelbild schlidderte, sprach er mit schwerer Zunge weiter: „Was guckst du? Warum ich so traurig bin? Er fehlt mir und der Wirt vom Vätersee auch. Gleich ist Weihnachten und keiner feiert mit mir. Lause einsam ist es für so einen alleinstehenden Herrn vom Lande. Kann‘ste glauben.“
Plötzlich sprach das Spiegelbild: „Na, dann hol‘ dir doch deinen Puck zurück, dann bist du in Gesellschaft.“
Der Lichterkettenmann starte schweigend die sprechende Spiegelgestalt an. Sein Mund stand offen und seine Ohren vernahmen ganz deutlich: „Sieh mal, ein bisschen Ärger gibt es immer in einer Wohngemeinschaft, aber der ist wohl zu verschmerzen, wenn man an den Grusel der Einsamkeit denkt. Komm, steh auf und hole dir deinen kleinen Freund zurück.“
„Oho, der ist bestimmt bis ans Ende seiner Tage sauer auf mich.“
„Ein Versuch ist es wert.“, raunte das Spiegelbild und schwieg fortan, auch als der Lichterkettenmann weiter erzählte. Das bemerkte der nach einem Weilchen. Und weil ihm offenbar niemand mehr zuhörte, rutschte er vom Tresen-Hocker und ging hinaus in die Nacht. Doch so sehr er auch suchte, der Lichterkettenmann konnte den Straßenmusiker und seinen Puck nicht finden. Mutlos stieg er in den Überlandbus, als auf seinem Stammplatz, hinten rechts, ein dünnes Stimmchen grüßte: „Kommst du auch schon?“

Petra Elsner, 2014

 

 

 

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