Das Raureiftöpfchen

So ein Schneegestöber zu Ostern bringt doch wirklich alle Pläne durcheinander… Frau hockt also wieder, wie im tiefsten Winter, in der Stube und: Schreibt ein kleines Märchen. An einem Wintertag im Januar hatte ich die Idee und die ersten Zeilen, nun ist es fertig:

Raureifpoesie

Das Raureiftöpfchen

Eine Gute-Nacht-Geschichte

Ein scharfer Ostwind schlug gegen das Raureiftöpfchen und weckte seinen Gesang. „Klirr, klar, Sternenweiß liegt das Land. Klirr, klar, unterm Eis ruht die Zeit ganz lang. Klirr, klar stoß‘ mich an, dann sing‘ ich vom Zauberreif…“
„Habe ich richtig gehört: Zauberreif?“, fragte sich die vorbeihuschende Haselmaus Fine. Aber das Töpfchen schwieg augenblicklich und so konnte das Mäuschen nicht erkennen, wer da so schön gesungen hatte. Kaum später stieg die Sonne über die Baumwipfel und der weiße Kristallschleier schmolz dahin. Aus dem Raureiftöpfchen wurde wieder ein einfacher umgestülpter Blumentopf. Kein Mensch ahnte von seinen zauberhaften Talenten. Nur Fine hatte noch lange die Melodie im Ohr und konnte sie nicht vergessen.
Das Jahr verging. Die kleine Haselmaus war gerade in ihrer Baumhöhle in einen tiefen Winterschlaf versunken, als sich ein mächtiger Sturm erhob. Der wetterte und wütete eine Nacht lang. Bäume brachen und stürzten in den Böen. Auch Fines Quartier zersplitterte vollkommen. Wie durch ein Wunder flog dabei die Haselmaus im hohen Bogen in den weichen Schnee. Das Tierchen zitterte vor Angst und Kälte. Schnell musste es einen Unterschlupf finden, denn sonst würde es sein Leben verlieren. Fine lief und lief bis sie schließlich an den alten Blumentopf gelangte. Er lehnte kopfüber an einem Mauerstein. So konnte der kleine Nager in sein Inneres krabbeln und hockte nun etwas geschützt in dem kahlen Töpfchen. Fine schlotterte und sang sich leise Mut zu: „Klirr, klar, Sternenweiß liegt das Land. Klirr, klar, unterm Eis ruht die Zeit ganz lang. Klirr, klar stoß‘ mich an, dann sing‘ ich vom Zauberreif…“ Sein Atem beschlug zu Reif an der braunen Tonwand und das Töpfchen erwachte: „Kleine Haselmaus warum singst du mein Lied?“
Fine staunte: „Ich habe es letztes Jahr gehört, aber wusste nicht dass es dir gehört? Mir ist so Bange, ich wollte mich mit dem Lied nur trösten.“
Der Topf räusperte sich: „Es ist ein Zauberlied, dass nur bei Raureif erklingt, dann kann ich für einen Augenblick Wünsche erfüllen. Sag‘ schnell, wie kann ich dir behilflich sein, sonst ist der Zauber wieder verwirkt.“
Das Haselmäuschen wisperte bescheiden: „Ich brauche keinen Zauber, wenn ich einfach in dir bis zum Frühling wohnen darf.“
Das Töpfchen lachte: „Aber gewiss doch!“ Es drehte sich einmal links herum, dann einmal rechts herum. Es füllte sich dabei mit trockenem  Moos und krausen Blättern, gerade richtig für ein wärmendes Nest. Ein paar Beeren und Nüsse entdeckte Fine auch, danach schliefen Haselmaus und Töpfchen tief und fest den ganzen, dunklen Winter lang.

© Petra Elsner
2. April 2018

Hinweis zum Urheberrecht:

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